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Jahresrückblick 2019
Das Jahr der Katastrophen

 Ein Kirchenbrand, der die Menschen weit über die Grenzen Frankreichs schockt: Eines der größten Wahrzeichen des Landes, die Pariser Kathedrale Notre-Dame, steht in Flammen.
Ein Kirchenbrand, der die Menschen weit über die Grenzen Frankreichs schockt: Eines der größten Wahrzeichen des Landes, die Pariser Kathedrale Notre-Dame, steht in Flammen. FOTO: dpa / Thibault Camus
Brände, Stürme und Überschwemmungen halten die Welt in Atem: Doch ein Unglück bewegt besonders viele. Von Manuel Görtz

An diesem Abend mitten im April geht eine Schockwelle um die Welt: Das Dach der Pariser Kathedrale Notre-Dame, einer der bedeutendsten Kirchenbauten der Christenheit, brennt. Vor den Augen hunderttausender Menschen an den Fernsehbildschirmen und mehreren Zehntausend Augenzeugen in der französischen Hauptstadt kämpft eine ganze Armee von Feuerwehrleuten gegen die Feuersbrunst, andere Helfer versuchen, die bedeutenden Kunstschätze aus dem Kircheninnern zu bergen. In dem über 800 Jahre alten, trockenen Gebälk greift das Feuer rasendschnell um sich. Innerhalb von Minuten brennen rund 1000 Quadratmeter Dachfläche. Eine mehrere hundert Meter hohe Rauchsäule steigt in den Himmel. Als die Spitze des Daches in sich zusammensackt und Teile ins Kirchenschiff fallen, fahren Flammen hoch in den Himmel. Menschen schreien, andere beginnen laut zu beten, die meisten starren fassungslos in das Inferno.

Erst am nächsten Morgen gibt die Feuerwehr vorsichtig Entwarnung. Der Brand, ausgelöst durch einen technischen Defekt oder durch eine bei Renovierungsarbeiten nicht ausgedrückte Zigarette, ist gelöscht. Die Einsatzkräfte konnten verhindern, dass das Feuer auf die beiden Türme übergreift und diese ins Kirchenschiff stürzen. Auch ein Großteil der Kunstschätze und Reliquien von unschätzbarem Wert, darunter die Dornenkrone, die Jesus Christus vor seiner Kreuzigung getragen haben soll, konnten in Sicherheit gebracht werden. Allerdings haben die Flammen zwei Drittel des Dachstuhls verwüstet, auch Teile der Gewölbekuppeln und der 96 Meter hohe, hölzerne Vierungsturm sind eingestürzt.

Angesichts der Bedeutung der Kathedrale gibt es schon Stunden nach der Brand-Katastrophe Hilfszusagen aus der ganzen Welt. In Frankreich bricht zwischen Großspendern sogar ein regelrechter Konkurrenzkampf aus. Die Familie des Unternehmers und Milliardärs Bernard Arnault will sich mit 200 Millionen Euro an der Rekonstruktion beteiligen, nachdem zuvor bereits die französische Milliardärsfamilie Pinault 100 Millionen Euro für den Wiederaufbau versprochen hat. Auch Patrick Pouyanné, Chef von Total kündigt an, dass sein Unternehmen 100 Millionen geben wird.



Von solch hohen Einzelspenden milliardenschwerer Unternehmer-Dynastien können die Opfer des Tropenstruns „Idai“ wohl nur träumen, der einen Monat zuvor große Gebiete der afrikanischen Länder Mosambik, Malawi und Simbabwe verwüstet hatte, mindestens 1300 Menschen das Leben gekostet haben soll und bei dem rund 400 000 Menschen obdachlos wurden. Zwar setzte bei dieser Naturkatastrophe, deren Folgen Helfer als eine der größten humanitären Notlagen bezeichnen, ebenfalls eine weltweite Welle der Hilfsbereitschaft ein. Aber es dürfte Schätzungen zufolge Jahrzehnte dauern, bis Dörfer und Städte wieder aufgebaut sind.

Wie bei den anderen großen Naturkatastrophen des Jahres 2019 machen Experten auch hier den Klimawandel mitverantwortlich, der ihren Erkenntnissen nach immer häufigere Extremwetterlagen mit sich bringt. So fegen Ende Januar Winterstürme mit ungewöhnlich eisigen Temperaturen von bis zu minus 33 Grad Celsius über Nordamerika hinweg und lähmen tagelang den Mittleren Westen der USA und den Osten Kanadas. Mehr als 20 Menschen erfrieren.

Und im Sommer werden Mittel-, Süd- und Westeuropa von einer gewaltigen Hitzewelle heimgesucht. Ende Juni brechen bei Temperaturen um 40 Grad Celsius im Süden der spanischen Region Katalonien die schlimmsten Waldbrände seit 20 Jahren aus. Eine Fläche von 65 Quadratkilometern wird verwüstet, zahlreiche Menschen fliehen.

Rund einen Monat später messen Meteorologen dann im niedersächsischen Lingen mit 42,6 Grad einen neuen deutschen Hitzerekord. Die alte Rekordmarke hatte zuvor bei 40,3 Grad gelegen – gemessen im Juli 2015 im unterfränkischen Kitzingen. Während wegen der Trockenheit auch in Deutschland die Waldbrandgefahr steigt, kommt es Mitte August in Brasilien und den Nachbarländern zur Katastrophe. Mehr als 80 000 Feuer wüten im Amazonas-Regenwald, der auch als „Grüne Lunge der Menschheit“ bezeichnet wird, weil er große Mengen des Treibhausgases CO2 binden kann und so für das globale Klima von entscheidender Bedeutung ist. Die G7-Staaten beschließen bei ihrem Gipfel im französischen Biarritz eine Soforthilfe von 20 Millionen US-Dollar (rund 17,9 Millionen Euro) für den Kampf gegen die Feuer. Brasiliens rechtspopulistischer Staatschef Jair Messias Bolsonaro allerdings sieht vor allem die wirtschaftlichen Ressoucen, die der Regenwald seinem Land bietet. Er bezeichnet die vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron angestoßene Initiative als Eingriff in die inneren Angelegenheiten und handelt sich damit internationale Kritik ein. Ursache der Brände ist Beobachtern zufolge neben Trockenheit auch Brandrodung gewesen.

Derweil bestimmen Naturkatastrophen weiter die Schlagzeilen. Mitte November wird Venedig vom schlimmsten Hochwasser seit über 50 Jahren heimgesucht. Einen Monat später melden australische Meteorologen die höchsten seit Beginn der Aufzeichnungen gemessenen Temperaturen, die im Süden fast 47 Grad erreichen und zahlreiche Buschbrände auslösen.

Aber es gibt auch andere Katastrophen und Unglücke, die 2019 viele Menschen bewegen. Im März etwa sterben beim Absturz einer Boeing 737 Max 8 in Äthiopien alle 157 Insassen. Ermittler gehen davon aus, dass die Steuerungssoftware MCAS das Unglück ausgelöst hat. In der Folge ergehen weltweit Flugverbote für den Flugzeugtyp. Mitte April kommen auf der portugiesischen Atlantikinsel Madeira 29 Deutsche ums Leben, als ein Bus östlich der Hauptstadt Funchal eine Böschung hinunterstürzt. Und Ende Mai stoßen auf der Donau bei Budapest ein Ausflugsschiff und ein größerer Flusskreuzer zusammen. Das kleinere Schiff mit 33 Koreanern an Bord kentert. Für 28 Menschen kommt jede Hilfe zu spät – sie ertrinken.

Und Notre-Dame? Auch Ende des Jahres ist noch ungewiss, wieviel Geld der Wiederaufbau des Meisterwerks der französischen Frühgotik am Ende verschlingen wird und wann er abgeschlossen werden kann. „Bis Juni werden bereits 85 Millionen Euro ausgegeben sein, noch bevor der eigentliche Wiederaufbau beginnt“, sagt der Pariser Erzbischof Michel Aupetit Ende November. Und auch das ehrgeizige Versprechen, das der französiche Staatspräsident Emmanuel Macron kurz nach der Brandnacht gab, wird er wohl nicht halten können „In fünf Jahren ist die Kathedrale wieder aufgebaut“, sagte er damals. Experten rechnen hingegen mit mehreren Jahrzehnten.

 11.03.2019, Äthiopien, Addis Ababa: Rettungskräfte arbeiten an der Absturzstelle des Fluges 302 der Ethiopian Airlines in der Nähe von Bishoftu, südlich von Addis Abeba. Ethiopian Airlines hat alle seine Maschinen vom Typ Boeing 737 Max 8 zeitweilig aus dem Verkehr gezogen. Bei dem Absturz wurden 157 Menschen getötet. Foto: Mulugeta Ayene/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
11.03.2019, Äthiopien, Addis Ababa: Rettungskräfte arbeiten an der Absturzstelle des Fluges 302 der Ethiopian Airlines in der Nähe von Bishoftu, südlich von Addis Abeba. Ethiopian Airlines hat alle seine Maschinen vom Typ Boeing 737 Max 8 zeitweilig aus dem Verkehr gezogen. Bei dem Absturz wurden 157 Menschen getötet. Foto: Mulugeta Ayene/AP/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ FOTO: dpa / Mulugeta Ayene
 Die „Grüne Lunge der Menschheit“ brennt. Über 80 000 Feuer vernichten im August in Brasilien und seinen Nachbarländern tausende Hektar Regenwald. Sie wurden durch Dürre und Brandrodung ausgelöst.
Die „Grüne Lunge der Menschheit“ brennt. Über 80 000 Feuer vernichten im August in Brasilien und seinen Nachbarländern tausende Hektar Regenwald. Sie wurden durch Dürre und Brandrodung ausgelöst. FOTO: dpa / Xinhua
 So hoch steht das Wasser auf dem Markusplatz in Venedig nur selten: Im November wurde die Lagunenstadt vom schlimmsten Hochwasser seit mehr als 50 Jahren heimgesucht.
So hoch steht das Wasser auf dem Markusplatz in Venedig nur selten: Im November wurde die Lagunenstadt vom schlimmsten Hochwasser seit mehr als 50 Jahren heimgesucht. FOTO: dpa / Claudio Furlan