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Prozessauftakt Sexueller Missbrauch
An Kindern vergangen

  Kinderschuhe vor dem Landtag in Hannover. Mitglieder der Initiative „Kinder von Lügde“ schufen dieses Mahnmal nach Bekanntwerden des hundertfachen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde. Ähnlich erschütternd sind drei Fälle, die seit diesem Donnerstag vor verschiedenen Gerichten in Deutschland behandelt werden.
Kinderschuhe vor dem Landtag in Hannover. Mitglieder der Initiative „Kinder von Lügde“ schufen dieses Mahnmal nach Bekanntwerden des hundertfachen Missbrauchs auf einem Campingplatz in Lügde. Ähnlich erschütternd sind drei Fälle, die seit diesem Donnerstag vor verschiedenen Gerichten in Deutschland behandelt werden. FOTO: dpa / Peter Steffen
Bielefeld/Hildesheim/Ravensburg. Es sind drei Prozessauftakte mit abscheulichen Details: In Ravensburg, Bielefeld und Hildesheim mussten sich am Donnerstag mehrere Personen wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht verantworten. Von Fatima Abbasn Florentine Dame und Kathrin Drinkuth (SZ/dpa)

Drei Schauplätze, drei Hauptangeklagte und dreimal das blanke Grauen. Wer versucht, eine logische Erklärung für das Unerklärliche zu finden, ist zum Scheitern verurteilt – während das Urteil der Richter noch auf sich warten lässt.

An diesem Donnerstag begann in drei Städten ein Prozess: Hildesheim, Ravensburg und Bielefeld. An allen drei Orten soll es zu Kindesmissbrauch gekommen sein, zu abscheulichen Taten.



Auftakt am Landgericht Hildesheim: Er 56 Jahre alt, seine Frau 60. Sie arbeiten gemeinsam als Betreuer in einer Wohngruppe für Jugendliche. Laut Anklage soll sich der Mann dort neun Jahre lang an vier Mädchen vergriffen haben. Insgesamt 19 Fälle, auch seine Frau ist wegen körperlicher Misshandlung angeklagt. Der Angeklagte habe von einigen Mädchen verlangt, über Wochen hinweg zehn Lagen Windeln und Müllbeutel fest verklebt übereinander zu tragen, sagte Staatsanwältin Christina Pannek. In einem Fall soll er ein Mädchen auch gezwungen haben, ihn mit Exkrementen zu füttern. Im Erdgeschoss der Einrichtung soll sich ein etwa ein Quadratmeter großer Hundekäfig befunden haben, in dem ein Mädchen eingeschlossen und nur mit Hundefutter ernährt worden sei. Dies müsse auch die Ehefrau mitbekommen haben, sagte Pannek. Außerdem habe der Angeklagte auch sexuelle Handlungen an seinen Opfern vorgenommen. Die beiden Pädagogen sitzen seit März in Untersuchungshaft. Ihnen drohen mehrjährige Haftstrafen.

Prozessauftakt in Ravensburg: Ein 26-jähriger Busfahrer gesteht sexuellen Missbrauch von Kindern. Er bereue die Taten, sagte er vor Gericht. „Was ich gemacht habe, war scheiße.“ Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann auch Belästigung sowie das Verbreiten pornografischen Materials vor. Laut Anklage hatte der Mann seine Opfer bei der Arbeit kennengelernt und sich in seiner Freizeit mit ihnen verabredet. Rund 20 Taten, vor allem 2018 und Anfang dieses Jahres im Kreis Biberach. Der 26-Jährige räumte viele davon ein – darunter den Oralverkehr mit Kindern, das gemeinsame Schauen von Pornos oder das Versenden von intimen Fotos per Smartphone. Dass er einen Jungen im Schulbus belästigt habe, bestreitet er dagegen, ebenso wie den Vorwurf, er habe kinderpornografisches Material auf seinem Laptop gespeichert. Bei den Opfern handelt es sich demnach um sechs Jungen und ein Mädchen zwischen zwölf und 18 Jahren.

Letzter Schauplatz, Bielefeld: Ein Physiotherapeut. Die Mädchen kamen zu ihm, weil sie sich seine Hilfe erhofften, doch dann soll er sie immer wieder schwer sexuell missbraucht haben. Nun steht der 61-Jährige aus Bad Oeynhausen wegen schweren sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Mitangeklagt ist seine Ehefrau. Sie soll ihm geholfen haben. Der Fall war im April 2019 bekannt geworden. Wie schon nach Polizeipannen im Missbrauchsfall von Lügde hatte NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) auch bei den Ermittlungen in Bad Oeynhausen Polizeifehler eingeräumt. So waren die Ermittlungen nur mit erheblichen Verzögerungen vorangekommen. Erst 16 Monate nach dem ersten Hinweis hatte es bei dem Heilpraktiker eine Durchsuchung gegeben. Die Staatsanwältin trägt eine Liste von Vorwürfen vor: 44 Taten, darunter 37 Mal schwerer sexueller Kindesmissbrauch. Acht Opfer listet die Anklage auf. Mädchen, zum Tatzeitpunkt zwischen sechs und zwölf Jahren alt. Er soll ihnen an die Brust gefasst oder sie schmerzhaft gekitzelt und gegen ihren Willen auf die Behandlungsliege gedrückt haben. Immer wieder soll er auch mit dem Finger in sie eingedrungen sein. Außerdem soll er die Mädchen fotografiert haben, nackt, mit gespreizten Beinen. Solche und Tausende weitere Bilder und Videos hatten Polizisten bei ihm sichergestellt. Beschlagnahmt wurden auch Filmchen, die zeigen, wie Kinder vergewaltigt werden. Seine Frau, gelernte Kinderkrankenschwester und Rezeptionistin in der Praxis, soll den Mädchen erklärt haben, dass die Übergriffe zur Behandlungsweise gehörten. In dem Verfahren sind bislang 14 weitere Termine bis Anfang Dezember angesetzt.