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Gold bei Mathe-Olympiade
„Ich lerne lieber Formeln als Vokabeln“

St. Ingbert/Würzburg. Einem Achtklässler aus St. Ingbert ist das gelungen, woran etliche Schüler im Saarland seit 1994 scheiterten: Gold bei der Mathematik-Olympiade. Von Fatima Abbas

Er sieht nur Zahlen. Seit frühster Kindheit. Vor der Haustür, beim Essen, vorm Schlafengehen. Vom Bahnhof bis nach Hause zählt er für seine Oma problemlos bis 100. Damals ist Ole Gabsdil zweieinhalb Jahre alt. „Ich habe erst gemerkt, dass Oles Begabung nicht normal ist, als ich das zweite Kind hatte“, sagt seine Mutter Ute und schielt nach links zu ihrem Jungen, so, als könne sie es immer noch nicht richtig glauben.

Und da sitzt er, seit wenigen Tagen 14 Jahre alt, achte Klasse hinter sich, bisher nur einmal eine Zwei in Mathe („Ich weiß nicht, wie mir das passieren konnte“). Lieber erinnert er sich an das, was vor drei Wochen passiert ist. An jenem Tag, an dem seine Eltern plötzlich in diversen Medien seinen Namen hören und lesen, ohne zuvor mit ihrem Sohn persönlich gesprochen zu haben.

Als erster Saarländer überhaupt hat der so unscheinbar wirkende Junge aus St. Ingbert eine Goldmedaille bei der Mathematik-Olympiade auf Bundesebene ergattert. Freude im Quadrat bei den Eltern, Ungläubigkeit hoch zehn bei Ole: „Bis mir das wirklich klar wird, dauert’s noch ein bisschen“, sagt er nun, drei Wochen danach in den heimischen vier Wänden.



Rückblick, 14. Juni: Ole sitzt in einer großen Sporthalle in Würzburg. Um ihn herum weiße Tische, Wasserflaschen, Corny-Riegel und konzentrierte Gesichter. 197 Rechen-Genies vor drei Aufgaben. Ein paar von ihnen brüten in einem kleineren Raum nebenan. Ole schwitzt mit der Mehrheit.

„57. Mathematik-Olympiade, 4. Runde (Bundesrunde), Aufgaben – 1. Tag, Olympiadeklasse 8“. Ole sieht Zahlen auf Papier. „Es ist psychisch nicht zu unterschätzen, wenn man da sitzt, die Aufgaben schon vor sich hat, und vorne jemand minutenlang noch etwas erklären muss.“ Ole ist ungeduldig, giert nach Mathematik.

Und dann bekommt er sie: „In den Sommerferien will Jonas Kajak fahren. Er weiß, dass er in einer Stunde eine Strecke von 6 Kilometern paddelt (...).“ Fünf Zeilen Textaufgabe. Ole muss herausfinden, wie lang die Strecke ist, die Jonas zurücklegen wird. „Wir hatten das schon mal an einem Trainings-Samstag geübt.“ Ole setzt das innere Häkchen.

Mit „wir“ meint er die wenigen Saarländer, die es außer ihm ins Bundesfinale geschafft haben. Mehr als 400 waren in den Klassenstufen 8 bis 12 beim Landesfinale angetreten. Nur neun davon haben sich für Würzburg qualifiziert. Zwei Tage lang lösen sie dort Text-Aufgaben, führen Beweise und verschieben Teilfiguren auf Zwölfecken.

Ole zeigt seine Skizzen. Das mag er. Skizzen von geometrischen Figuren und Aufgaben, bei denen er sofort eine Eingebung hat. Den Kopf zerbricht er sich ohnehin genug. Sei es montags in der Mathe-AG am Saarbrücker Schloss oder in den Wochen, in denen er für das Förderprogramm „Jugend trainiert Mathematik“ an Aufgaben knobelt.

Selbst nach Magdeburg ist er schon zum Seminar gefahren, vier Tage lang geballte Mathematik. Es scheint fast so, als würde da jemand auf den Nobelpreis hinarbeiten. Doch Ole winkt ab: „Ich setze mir keine Ziele. Ich gebe mein Bestes und gucke, was rauskommt.“

Am 16. Juni kommt Gold raus. 32 von 40 Punkten. Das erfährt Ole bereits am Vorabend. Die Platzierung bleibt bis zur Siegerehrung geheim. „Ich habe ein Poker-Face gemacht“, sagt Uwe Peters und lacht. Der Schulleiter des Robert-Schuman-Gymnasiums in Saarlouis hat die Schüler aus dem Saarland als Landeskoordinator betreut. Er ist verdammt stolz auf Ole. Aber auch auf Lena Ludwig vom Saarbrücker Otto-Hahn-Gymnasium, die Bronze mit nach Hause nimmt. Auch das Mannschaftsergebnis sei „grandios“ gewesen. So viele Punkte habe ein Team aus dem Saarland noch nie abgeräumt.

Zuvor hat die Jury bis spät in die Nacht getagt. Zwölfmal Gold. Einmal für Ole. Dass es für ihn reichen würde, merkt er, als er seinen Namen vergeblich unter den Zweitplatzierten sucht. Er zählt eins und eins zusammen. Kurz darauf beobachtet sein Betreuer, wie er in seiner „gelassenen Ole-Art“ den Preis entgegennimmt. Zur gleichen Zeit fahren die Eltern im fast 300 Kilometer entfernten St. Ingbert den Rechner hoch. „Sein Name stand ganz oben“, sagt seine Mutter. Ein paar Sekunden später landet der Screenshot in der Familien-Whatsapp-Gruppe.

„Ein normaler Abiturient hätte bei diesen Klasse-8-Aufgaben keine Chance gehabt“, sagt Peters. Ole Gabsdil läuft nicht Gefahr, ein „normaler“ Abiturient zu werden. Obwohl er sich wöchentlich Gewöhnlichem widmet wie Fußball oder Tennis. Klavier lernt er auch noch nebenbei. Nur die Sprachen sind nicht so seins: „Ich lerne lieber Formeln als Vokabeln.“

Das gilt auch für das kommende Schuljahr. Dann will Ole zum vierten Mal an der Mathe-Olympiade teilnehmen. Als Neuntklässler könnte er sich dann sogar für die internationalen Meisterschaften qualifizieren. Sicher ist jetzt schon: „Ich will später irgendwas mit Mathematik machen.“ Vielleicht Software-Architekt wie der Papa. Oder Physiker wie der Opa. Hauptsache irgendwas mit Zahlen.