| 23:26 Uhr

Musik
Mit dem Papp-Guildo in Birmingham

Trier/Birmingham. Heute vor 20 Jahren war Guildo Horn beim Eurovision Songcontest. Die TV-Redakteure Bernd Wientjes und Friedemann Vetter waren dabei.

Die Frau auf der Parkbank vor der St. Philips Cathedral schüttelt den Kopf. So etwas hat sie in Birmingham nicht erlebt. Vier mit blonden Perücken, getönten, großen Brillen, bunten Polyacryl-Pullundern und gestreiften Schlaghosen verkleidete Männer tanzen auf der Straße und rufen „Meister, Meister.“ „Thats absolutly crazy das ist völlig verrückt“, meint die alte Dame auf der Parkbank.

Heute vor 20 Jahren ist die mittelenglische Industriestadt Schauplatz eines denkwürdigen Ereignisses. Der Eurovision Song Contest (ESC), vielen noch bekannt als Grand Prix Eurovision de la Chanson, wird in der National Indoor Arena ausgetragen. Und ganz Deutschland blickt auf einen Trierer, der sich aufgemacht  hat das angestaubte, in die Jahre gekommene Musikfestival aufzumischen: Horst Köhler alias Guildo Horn.

Zusammen mit dem TV-Fotografen Friedemann Vetter bin ich damals dabei, als der begnadete Musiker, mit seinem Spaßsong Guildo hat Euch lieb, geschrieben von Alf Igel alias Stefan Raab, zeigt, dass der Grand Prix nicht nur schwer und gediegen sein kann, sondern auch leicht und fröhlich.



Einen Tag vor der Show machen wir uns vom Frankfurter Flughafen auf nach Birmingham. Weil wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, dass in England irgendjemand Guildo kennt, wir aber originelle Fotos nach Hause liefern wollen, haben wir uns vorsorglich gewappnet. Ein Kollege, ein eingefleischter Fan des Meisters, leiht uns eine Guildo-Pappfigur. Die drücken wir am Flughafen dann mal direkt schon Schlagersänger Michael Holm in die Hand, um ihn damit zu fotografieren. Der damalige Produzent von Guildo Horn sitzt in der gleichen Maschine wie wir. Der Beginn einer zweitägigen Reise mit vielen kuriosen Begegnungen.

In Birmingham angekommen, merken wir in der Tat zunächst nichts vom Guildo-Fieber. Im Gegenteil. Die örtlichen Zeitungen ziehen kräftig über den Meister her. „Eurovision Shockers“ titelt ein Blatt über Guildo und die spätere Siegerin, die israelische Dana. Wenn es Gerechtigkeit gebe, schreibt die Lokalzeitung von Birmingham, dann verdiene Guildo null Punkte. Dass es später 86 Punkte werden und der Trierer auf Platz sieben landet, ahnt zu dieser Zeit keiner. Um den TV-Lesern aber trotzdem zu vermitteln, dass die Engländer Guildo zumindest etwas lieb haben, ziehen wir mit dem Pappkamerad durch die Stadt, drücken ihn Bobbys und anhnungslosen Passanten in die Hand, die sich bereitwillig fotografieren lassen.

Abends bin ich dann live bei  Generalprobe zur Show am nächsten in der Indoor Arena dabei, darf zuschauen wie Guildo in türkisfarbenem Samtanzug und Rüschenhemd waghalsig das Bühnengerüst hochklettert und das trotz offensichtlicher Schmerzen in der verbundenen linken Hand. Folgen eines Bühnenausrutschers eine Wochen zuvor bei einer ARD-Live-Show vom Trierer Hauptmarkt, mit der Stars wie Nena den Meister nach Birmingham verabschiedet haben.

Möglich gemacht hat diese Guildos damaliger Manager Johannes Kram. Der Trierer erinnert sich: „Die ARD-Show auf dem Hauptmarkt hätte es fast gar nicht gegeben. Ich hatte den NDR versucht von einer großen Geschichte aus aus Trier zu überzeugen, dort kam dann die Idee zu einer Livesendung, doch als ich dann in Trier für dafür vorfühlte, gab es fast nur Bedenken. Wenn Volksfreund-Redakteur Roland Morgen damals nicht nachgefragt hätte, wäre das ganze womöglich nur eine schöne Idee geblieben.“ Und so hat die zur besten Sendezeit am 1. Mai übertragene Show dazu beigetragen, die Guildo-Mania in Deutschland weiter anzuheizen.

Ein Stück davon ist dann ein paar Stunden vor Beginn des ESC an diesem 9. Mai 1998 dann doch noch in Birmingham zu spüren. Dank einiger deutscher Fans, die im typischen Guildo-Outfit, eben Pullunder und Schlaghosen, für Aufsehen sorgen. Vor dem Grand Hotel, in dem der Meister und seine Crew in Birmingham übernachten, versammeln sich an jenem Samstagmorgen und skandieren „Oh Meister zeig dich“. Sie blockieren die Straße, die Polizei muss den Verkehr regeln.

Guildo selbst gibt sich kurz vor seinem Auftritt bei der weltweit ausgestrahlten Show locker. „Wir haben hier unheimlich viel Spaß gehabt, nette Leute kennengelernt“, erzählt er mir in einer Probenpause vor der Halle bei strahlendem Sonnenschein mit Schaal und Jacke bekleidet und umringt von Fotografen. „Sei doch mal lustig“, frotzelt Stefan Raab.

„Hallo Trier. Mir geht es gut. Ich freue mich. Freut euch auch“, lass ich den Meister in mein Diktiergerät sprechen. Die Worte übertrage ich dann später per Telefon aus dem Pressecenter des ESC nach Trier. Dort veranstaltet der Volksfreund in der Tuchfabrik eine große Party, moderiert vom leider schon verstorbenen Kollegen Dieter Lintz,  bei der die Sendung live übertragen wird. Immer wieder melde ich währenddessen per Telefon aus Birmingham, berichte direkt von dort.

Kurz vor Mitternacht, in der Indoor Arena schmettert die ESC-Siegerin Dana gerade nochmal ihren Song Diva zum Abschluss der dreistündigen Show, stehen Friedemann Vetter und ich vor dem Malt House, einem typisch englischen Pub, nur wenige Meter von der Halle entfernt. Zwei NDR-Mitarbeiterinnen, die wir zufällig kennengelernt haben, haben uns den Tipp gegeben. Hier soll der Meister gleich auf einem alten Übertragungswagen den wartenden Fans huldigen. Es kommt zu Tumulten, Biergläser gehen zu Bruch als die Polizei Guildo über Schleichwege zu der Menge führt. Kurze Zeit später steht er auf dem Ü-Wagen, winkt. „Mir geht es wundervoll“, sagt er.  Leise stimmt der Trierer „Piep, piep, piep, Guildo hat euch lieb“ an. Die Menge tobt. Jetzt gehe er erst einmal einen „saufen“ ruft Guildo ins Mikro.

Spät in der Nacht treffen wir vor unserem Hotel den mittlerweile schon verstorbenen Komiker Dirk Bach, der zur Entourage um Guildo Horn gehört hat. Er erzählt uns, dass der Meister schon „in seinem Bettchen“ liege. Und von ihm erfahren wir auch, das der Trierer statt auf Platz acht auf dem siebten Platz gelandet ist. Durch ein Versehen wurde bei der Abstimmung während der Show zwölf Punkte aus Spanien unterschlagen. Die bis dahin beste Platzierung Deutschlands beim ESC seit dem Sieg der Saarländerin Nicole im Jahr 1982.

Johannes Kram erinnert sich noch gerne an die damalige Zeit: „Ich glaube, was Guildo, die Band und ich 1998 erlebt haben, kann sich niemand vorstellen. Es gibt wohl fast kein Fernseh-oder Radiostudio in dem wir damals nicht gewesen sind.“ Guildo sei „eine Lockerungsübung“ gewesen, die dem ganzen Land bis heute gut getan hat. Leider sei durch den ganzen Hype untergegangen, „was für ein Ausnahmekünstler Guildo ist und war“. Und das nicht nur als Musiker und Show-Mensch, sondern „auch jemand der wirklich etwas zu sagen hat.“