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Protest gegen den französischen Präsidenten
Gute Reden werden Macron nicht mehr helfen können

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KK_Krohn_Knut.jpg FOTO: SZ / Lorenz Robby
Emmanuel Macron ist tief gestürzt – die Fallhöhe ist schwindelerregend. Keine zwei Jahre ist es her, dass der französische Präsident wie eine Art politischer Heilsbringer gefeiert wurde. Von Knut Krohn

Er selbst verglich sich und seinen Stil anfangs völlig unbescheiden mit Jupiter, dem römischen König der Götter, der aus großer Höhe Befehle gibt und den Sterblichen den richtigen Weg weist. Das hätte für alle Seiten eine Warnung sein können. Doch Macrons mitreißende Dynamik nach den zuletzt lähmenden Jahren unter Präsident François Holland verzückte nicht nur seine Anhänger. Mit der von ihm aus dem Boden gestampften Bewegung La République en Marche pflügte der so jugendlich wirkende Aufsteiger die politische Parteienlandschaft in Frankreich radikal um. Das Volk war ihm dankbar. Diese übergroße Hoffnung ist inzwischen aber in abgrundtiefe Enttäuschung umgeschlagen.

Manche Franzosen empfinden ihrem Präsidenten gegenüber nur noch blanken Hass, der sich bei den Demonstrationen der „Gelbwesten“ über viele Monate hinweg bisweilen in Randale entlud. Allerdings kann man Macron nicht den Vorwurf machen, das Volk getäuscht zu haben. Immer wieder hat er betont, er wolle das Land von Grund auf reformieren. Nach seinem Wahlsieg machte er sich unverzüglich ans Werk und brach verkrustete Strukturen auf, die in seinen Augen das wirtschaftliche Wachstum behinderten. So lockerte er zum Beispiel den Kündigungsschutz und auch für Arbeitslose gelten längst schärfere Regeln.

Die Philosophie des Präsidenten ist es, die Starken in der Gesellschaft weiter zu stärken, da sie in seinen Augen für den Fortschritt sorgen – die Schwachen spielen in seinen Plänen eine untergeordnete Rolle. Das ging in der Anfangsphase so weit, dass sogar Macrons engste Anhänger ihn aufforderten, den neoliberalen Kurs zu überdenken. Doch da war es schon zu spät. Die Wut entlud sich auf der Straße. Der Präsident hatte den Markenkern Frankreichs beschädigt, den Kern des Landes der Gleichheit und Brüderlichkeit.



Zwar hat Macron nach einigem Zögern reagiert und mit milliardenschweren Entlastungen für untere Einkommen und Rentner der Bewegung der „Gelbwesten“ den größten Schwung genommen, doch die Unzufriedenheit gärt weiter. Kaum jemand glaubt, dass dem Staatschef, der in Frankreich als „Präsident der Super-Reichen“ verspottet wird, wirklich daran gelegen ist, die sozialen Ungerechtigkeiten zu beseitigen.

Der Konflikt mit den „Gilets Jaunes“ hat gezeigt, dass Macron zu kleineren Korrekturen bereit ist, doch er will von seinem grundsätzlichen Kurs nicht abweichen. Das gilt auch für den anstehenden Umbau des Rentensystems. Immer wieder beruft sich der Staatschef auf Umfragen, wonach drei Viertel der Franzosen eine Reform grundsätzlich befürworten.

Es wird Macron nicht mehr helfen, dass er ein begnadeter Kommunikator ist. Die Menschen wollen nichts mehr hören von seinen Visionen. Sie wollen, dass sich der Präsident um alle Franzosen kümmert, nicht nur um die Starken.