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Italien-Rundfahrt
Giro-Auftakt wird zum Reinfall für Froome

Tel Aviv. Top-Favorit stürzt vor dem Start der Italien-Rundfahrt und verliert im Zeitfahren viele Sekunden.

Unter Verdacht und nun auch bereits gewaltig im Hintertreffen: Für Top-Favorit Chris Froome war das Auftakt-Zeitfahren des 101. Giro d‘Italia in Jerusalem ein kompletter Reinfall. Mit dem Handicap eines Sturzes bei der Streckenbesichtigung gestartet, verlor der Brite am Freitag gleich wertvolle Zeit im Kampf um den Gesamterfolg. Ein Ausrufezeichen setzte dafür Titelverteidiger Tom Dumoulin, der seinen vermeintlich größten Konkurrenten um ganze 37 Sekunden distanzierte. „Das war heute ein idealer Kurs für mich. Es war perfekt, ich habe mich sehr gut gefühlt nach dem nicht optimal für mich verlaufenen Frühjahr“, sagte Dumoulin.

Mit verbissener Miene kämpfte sich dagegen Froome nach 9,7 Kilometern in der Nähe der berühmten Altstadt Jerusalems über die Ziellinie, aber seine krachende Niederlage war auch mit großem Einsatz nicht zu verhindern. Vorjahressieger Dumoulin aus dem Team Sunweb dagegen legte ein nahezu perfektes Rennen hin und holte sich in 12:02 Minuten das erste Maglia Rosa knapp vor dem Australier Rohan Dennis (BMC Racing/zwei Sekunden zurück).

Bester Deutscher war der Berliner Max Schachmann (Quick Step-Floors/+21 Sekunden) am ersten Tag seiner Giro-Premiere. Der 24-Jährige war zwischenzeitlich sogar auf Bestzeitkurs und bestätigte letztlich als Achter seine starken Eindrücke aus der bisherigen Saison. Der viermalige Zeitfahr-Weltmeister Tony Martin (Katusha-Alpecin/+27 Sekunden) hatte erwartungsgemäß keine Siegchance und belegte direkt hinter Schachmann Rang neun.



Der 33-jährige Martin hatte im Vorfeld schon erklärt, die Giro-Vorbereitung nicht auf den Prolog ausgerichtet zu haben und seine Ziele eher in der zweiten und dritten Woche zu suchen. Dennoch bestätigte der hügelige Kurs durch Jerusalem einmal mehr, dass Martin seine Paradedisziplin nicht mehr dominiert.

Der eigentliche Verlierer des Tages war aber Froome als 21., der dritte Triumph bei einer großen Rundfahrt in Folge wird nun ein noch schwierigeres Unterfangen. Für Froome hatte der Tag mit einem Malheur begonnen. Bei der Besichtigung der Strecke war der Sky-Kapitän in einer Rechtskurve gestürzt und hatte sich Abschürfungen zugezogen. Auf Bildern waren blutige Wunden an Knie, Hüfte und Ellbogen zu erkennen. Es werde ein „schmerzhaftes Zeitfahren“, sagte Sky-Sportdirektor Nicolas Portal später. Ernsthafte Verletzungen seien aber ausgeblieben. Den Weißrussen Konstantin Siutsou traf es wesentlich härter. Er musste ins Krankenhaus gebracht werden – für ihn war der Giro vor dem ersten von 3600 Kilometern beendet.

Trotz ausgelassener Feierstimmung in Jerusalem ringt der Giro, der zum ersten Mal außerhalb Europas begann, um seine sportliche Bedeutung. Das hat mit dem viermaligen Toursieger Froome zu tun, der ins Ungewisse starten durfte. Dem Briten droht wegen der Salbutamol-Affäre eine Sperre, die seinen möglichen Giro-Sieg im Nachhinein wertlos machen könnte. Seit Monaten untersucht der Weltverband den Vorfall.

Trotz des Großaufgebots an Sicherheitskräften war die Stimmung in der oft vom Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern geprägten Stadt ausgelassen. Radprofi Schachmann war jedenfalls begeistert. Der Fahrer aus der belgischen Quick-Step-Mannschaft schwärmte von der Begrüßung: „Die Leute hupen so positiv wie eine Hymne. Die fahren langsam nebenbei, machen Fotos, lassen das Fenster runter, sagen: Oh, super, dass ihr hier seid.“