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Vorsorge
Geldgeschäfte bei Demenz

Mit einer Vollmacht können Bankkunden auch sicherstellen, dass ihre Bankgeschäfte erledigt werden, wenn sie beispielsweise wegen einer Demenzerkrankung selbst nicht mehr dazu in der Lage sind.
Mit einer Vollmacht können Bankkunden auch sicherstellen, dass ihre Bankgeschäfte erledigt werden, wenn sie beispielsweise wegen einer Demenzerkrankung selbst nicht mehr dazu in der Lage sind. FOTO: Sebastian Willnow / dpa-tmn
Berlin. Wenn die Erinnerung schwindet, ist es für den Betroffenen irgendwann unmöglich, sich selbst um seine finanziellen Belange zu kümmern. Deshalb ist es wichtig, rechtzeitig einen vertrauenwürdigen Vertreter zu bestellen.

(dpa) Thomas Lorenz hatte mit dem Thema Demenz in der engsten Familie zu tun. „Ich kenne das aus eigener Erfahrung mit meinem Vater, als er anfing, sein Portemonnaie und Geld zu suchen“, erzählt der Rechtsexperte beim Bundesverband deutscher Banken in Berlin. „Wenn Kunden, die dement sind, fünfmal am Tag in der Filiale erscheinen und Geld wollen oder irgendwas nachfragen, ist das belastend, und alle müssen versuchen, angemessen mit dieser schwierigen Situation umzugehen.“ Für die Bankmitarbeiter sei das eine große Herausforderung, für die sie geschult werden sollten.

Tanja Meier leitet die Informations- und Koordinationsstelle für Demenz in Bremen, die solche Schulungen anbietet. Dabei geht es zuerst einmal darum, Verständnis für das Krankheitsbild Demenz zu wecken. „Bankmitarbeiter müssen wissen, wie sie damit umgehen, wenn zum Beispiel Frau Schulz zum fünften Mal vor ihnen steht. Dafür gibt es keine Patentlösung.“ Für Demenzkranke ist es schwierig, abstrakte Daten zu erfassen. „Dann ist es besser, wenn der Mitarbeiter der Bank für den Kunden etwas aufschreibt oder ihm auf dem Bildschirm zeigt, welches Guthaben er auf seinem Konto hat“, erläutert Meier.

Augenkontakt sei dabei wichtig. Die Situation sollte ruhig gehalten, die demente Person vielleicht in einen extra Raum mitgenommen werden. Angehörigen rät sie, mit den Bankmitarbeitern zu sprechen. „Zum Beispiel hat eine Tochter gesagt: ,Wenn Sie meiner Mutter sagen, dass oben in der rosa Dose auf dem Küchenregal noch Geld ist, ist sie eigentlich immer ganz zufrieden.’ Das hat der Bankmitarbeiter so gemacht“, sagt Tania Meier.



Doch wo ist die Grenze, ab der sich ein Demenzkranker nicht mehr selbst um seine Geldgeschäfte kümmern kann? Wenn jemand geistig nicht mehr in der Lage sei, seine Angelegenheiten zu regeln, beginne laut Gesetz die Vertretung durch einen anderen, erklärt Professor Ronald Richter, Rechtsanwalt in Hamburg und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sozialrecht im Deutschen Anwaltverein. „Demenz ist allerdings ein gleitender Prozess, wo es auch immer Schwankungen gibt, die von der Tagesform abhängen. Das macht es extrem schwierig, eine Einschätzung zu finden“, sagt Richter. „Da gibt es keinen rechtlichen Punkt, wo man sagen kann, jetzt ist es so weit.“ Dass ein Demenzkranker nicht mehr geschäftsfähig ist, kann ein Arzt feststellen.

Wer für solche Fälle vorsorgen will, solle sich rechtzeitig um eine Vollmacht kümmern. „Eine Vorsorgevollmacht ist immer eine gute Sache, unabhängig von Demenz“, sagt Tanja Meier. „Jeder über 18 sollte eine haben.“ Neben der allgemeinen Vorsorgevollmacht gibt es die vom Notar beglaubigte Generalvollmacht.

Speziell für Bankgeschäfte kann gemeinsam mit einer Vertrauensperson direkt bei der Bank eine Vollmacht unterschrieben werden. Sie ermächtige den ausgewählten Bevollmächtigten unter anderem, Überweisungen zu tätigen, Geld abzuheben und dem Kontoinhaber eingeräumte Kredite in Anspruch zu nehmen, informiert der Bundesverband deutscher Banken. Die Vollmacht gilt, sobald sie unterschrieben ist.

Jeder sollte frühzeitig vorsorgen, dabei aber gut überlegen, wem er völlig vertraut. „Es kommt wirklich sehr darauf an, wen ich nehme“, sagt Ronald Richter. „Wenn ich meine Kontozugangsdaten rausgebe, muss ich mir klar darüber sein, dass die Gefahr eines Missbrauchs besteht. Es muss jemand sein, dem ich voll vertraue.“ Auch Tanja Meier weiß von Missbrauchsfällen im Zusammenhang mit Demenz. „Wenn junge Leute eine ältere Dame in die Bank begleiten, die Dame dann 10 000 Euro abhebt und sie den Begleitern gibt, die aber gar nicht ihre Enkelkinder sind, kann ein Missbrauch vorliegen“, erläutert Meier. Auch dafür müssten die Bankmitarbeiter sensibilisiert werden. Eine Vollmacht kann allerdings jederzeit widerrufen werden.

Hat ein Demenzkranker niemanden bestimmt, der ihn vertreten soll, wird ein gesetzlicher Betreuer gestellt. „Das muss nicht immer gleich ein Berufsbetreuer sein“, stellt Sozialrechtsexperte Roland Richter klar. „Vorrangig werden eigentlich Familienangehörige genommen.“ Nicht zuletzt sei das preiswerter, weil ein Berufsbetreuer aus dem Vermögen oder Einkommen des Betreuten bezahlt werde.

Der Vorteil eines gesetzlichen Betreuers, egal ob Familienangehöriger oder Berufsbetreuer, sei, dass er unter der Aufsicht eines Betreuungsgerichts stehe. „Die Missbrauchsfälle sind bei Betreuungen deutlich besser in den Griff zu kriegen als bei Bevollmächtigten.“ Generell sei es bei Demenz von Vorteil, wenn ein eng gestrickter Familienverband hinter dem Betroffenen stehe, glaubt Tanja Meier von der Demenz-Koordinationsstelle. Doch selbstverständlich sei das nicht. „Manchmal sind es als Erste die Bankinstitute, die merken: ,Mensch, Frau Schulz kommt fünfmal am Tag.’ Die Kinder, die weit weg wohnen, bekommen das gar nicht mit.“ Sie plädiert dafür, dass sich letztlich alle kümmern. „Wir brauchen eine Gesellschaft, wo man aufeinander aufpasst.“