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Comics: Was „Flix“ aus „Spirou“ macht
Gallischer Klassiker aus deutscher Feder

Flix in seinem Berliner Atelier.
Flix in seinem Berliner Atelier.
Berlin. Es ist eine seltene Ehre: Der Comic-Künstler Flix, der an der Saarbrücker HBK studiert hat, darf als erster deutscher Zeichner (und Texter) einen französischen Klassiker fortführen: „Spirou in Berlin“ erscheint am Dienstag, und Flix ist etwas nervös, wie er zugibt. Von Tobias Kessler

Schlaflose Nächte vor seiner Zusage? Die hatte Flix nicht. „Eher danach, als ich gemerkt habe, worauf ich mich da eingelassen habe.“ Aber so ein Angebot schlägt man eben nicht aus: Der Comic-Künstler aus Münster, der in Saarbrücken studiert hat und in Berlin lebt, durfte als erster Deutscher einen Klassiker des frankobelgischen Comics weiterzeichnen (und -texten): „Spirou“. 1938 hat der Hotelpage seine ersten Abenteuer erlebt, begleitet von dem immer etwas großspurigen Journalisten Fantasio und dem Eichhörnchen Pips. Mit Spirous kriminellem Cousin schlagen sie sich unter anderem herum, mit der Mafia und einem Wissenschaftler mit Größenwahn. Verschiedene Künstler waren mit der Reihe betraut, „Gaston“-Zeichner André Franquin prägte sie wie kein anderer. Fast 80 Bände sind bisher erschienen, am 31. Juli kommt nun der erste aus Deutschland heraus: „Spirou in Berlin“ spielt Ende der 1980er, im Osten und Westen der Stadt, erzählt von einer DDR, die am Ende ist und einer wackeren Friedensgruppe. Zeichenstrich und Tempo sind flott, der exzellente Band hat viel Witz und Herz.

Wie kam es zu einem französischen Klassiker aus deutscher Feder? Vor drei Jahren saßen beim Comicfestival Angoulême Redakteure des französischen „Spirou“-Verlags Dupuis und von Carlsen zusammen, wo die Reihe in Deutsch erscheint, und grübelten: Wie bringt man die Reihe weiter? Und wo waren die Helden, die immer viel reisen, noch nicht? „Man kam irgendwann auf Berlin“, erzählt Flix, „und Carlsen fand das ein gutes Thema, um ‚Spirou‘ in Deutschland nochmal nach vorne zu bringen“. Auf die Idee von Carlsen, erstmals einen deutschen Zeichner den Stift zücken zu lassen, reagierte Dupuis vorsichtig und bat um einen Projektentwurf. Den ersann Flix, bei Carlsen eine feste Größe, und die Franzosen waren angetan, „sonst hätten sie das Ganze einfach verworfen“.

Flix las zur Einstimmung noch einmal alle Spirou-Bände. Die kannte er zwar noch aus Kindheitstagen, in denen er „querbeet alle Comics gelesen hatte, die die Stadtbibliothek in Münster hergab“: Asterix, Hägar, Lucky Luke (lieber als Tim & Struppi), die Schlümpfe und die Peanuts. Aber hier war nun Hoheitswissen gefragt, denn die „Spirou“-Welt „ist ein Universum mit viel Vergangenheit und festen Charakteren“, die man nicht einfach so verändern könne. „Aber das Ganze ist nicht so hermetisch, dass man nichts Neues erfinden könnte“ – etwa die Figuren in Berlin, die Friedensgruppe im Visier der Stasi, sozusagen die deutsche Seite der Geschichte. Die hat Flix für Kenner mit kleinen Verweisen auf deutsche Comicfiguren angereichert (ohne damit von der Geschichte abzulenken): im Berliner Westen Didi & Stulle und der „kleene Punker“, im Osten Ritter Runkel und die Abrafaxe.



Viel recherchiert hat der Künstler, in Archiven gestöbert, Material gesammelt. Etwa vom Palasthotel in Ostberlin, „ein Überwachungshotel, von dem es unzählige Außen-, aber nur wenige Innenaufnahmen gibt“. Die Interieurs musste er sich auf Basis der Außenaufnahmen zusammenreimen und konnte sich einen innenarchitektonischen Scherz nicht verkneifen: Der Teppich erinnert an jenen im Schreckenshotel aus Stanley Kubricks Film „The Shining“. Wie aber erzählt man eine Geschichte aus der DDR, die bei aller Spannung auch noch „Spirou“-typisch witzig sein soll? „Das war mein Grundproblem“, sagt Flix, „die DDR war ja nicht der Trabbi-Wolfgang-Stumph-Nostalgiestaat, sondern für viele Menschen grauenvoll“. Das Thema Mauertote könne man nicht verschweigen. „Aber Blut darf man in ‚Spirou‘ nicht zeigen, Tote sind auch schwierig.“ Eine Figur im Band stirbt allerdings, was Flix aus überraschender Perspektive zeigt, als subjektiven Blick des Sterbenden – es ist der berührendste Moment im Band, eine Bildfolge, auf die Flix besonders stolz ist.

In Frankreich wird „Spirou in Berlin“ erst einmal nicht erscheinen. „Das Ganze ist für Dupuis ein Experiment“, bis zuletzt habe der Verlag sich vorbehalten, alles zu stoppen, wenn sie nicht zufrieden wären. Das sind sie jetzt, es sieht gut aus mit Frankreich, sagt Flix, „aber das kann schon noch ein, zwei Jahre dauern“.

In Saarbrücken hat der Münsteraner studiert, Kommunikationsdesign an der Hochschule der Bildenden Künste Saar (HBK).

Nach dieser Diplomarbeit hatte sich für Flix eine Grundfrage gestellt. Große Werbeagenturen meldeten sich, nachdem er den Nachwuchspreis des Art Directors Clubs gewonnen hatte. Aber: Vollzeit-Job in einer Agentur und gar kein Comiczeichnen? Flix setzte auf Comics, moralisch unterstützt vom Vater, gab sich ein Jahr Zeit, „und am Ende hat das funktioniert“. Wochentags geht Flix zu den klassischen Bürozeiten in sein Atelier, „als ob es ein richtiger Beruf wäre“, sagt er und lacht. Das Atelier teilt er sich mit dem Kollegen Marvin Clifford. „Zeichnen kann ein einsamer Beruf sein“, sagt Flix, „da tut es gut, wenn jemand da ist, mit dem man mal einen Kaffee trinken und eine Runde quatschen kann“. Bei „Spirou“ ging der Austausch noch weiter – Clifford hat den Band koloriert. Ein wenig nervös ist Flix schon – jetzt, da sein Band erscheint. „Es gibt viele Leute, die sich bei ‚Spirou‘ wahnsinnig gut auskennen. Ob ich deren Vorstellung getroffen habe?“

Flix: Spirou in Berlin. Carlsen Verlag, 64 Seiten, 16 Euro.

Flucht über die Mauer: das Titelmotiv von „Spirou in Berlin“.
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Titelheld Spirou (Mitte), Fantasio und ein Trabbi.
Titelheld Spirou (Mitte), Fantasio und ein Trabbi.