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Paris
Frankreich droht der Stillstand

 Reisende, die bereits Tickets für den Zeitraum des Streiks haben, können diese stornieren oder umtauschen.
Reisende, die bereits Tickets für den Zeitraum des Streiks haben, können diese stornieren oder umtauschen. FOTO: dpa / Claude Paris
Paris. Die Gewerkschaften haben bei der Bahn zum landesweiten Streik am 5. Dezember aufgerufen. Die Regierung will ein Chaos verhindern.

An dieser Stelle ein wichtiger Reisehinweis: Wer am 5. Dezember einen Kurzurlaub in Frankreich plant, der sollte besser umbuchen. Der Grund: Die Angestellten der französischen Bahn SNCF und der Pariser Verkehrsbetriebe RATP haben einen landesweiten Streik angekündigt. Inzwischen wird gemunkelt, dass sich auch andere Bereiche, wie etwa die Bediensteten der Autobahn-Mautstellen und Museen, dem Ausstand anschließen könnten.

Die Verantwortlichen bei der SNCF haben mit drastischen Mitteln auf den angekündigten Streik reagiert. Auf der Internetseite des Unternehmens sind für den Zeitraum vom 5. Dezember bis 8. Dezember für die Zugarten TGV inOui, OuiGo und Intercitys keine Tickets mehr zu buchen. Auch die Strecke von Paris nach Frankfurt über Saarbrücken ist betroffen. Für die Fahrten von Paris nach Stuttgart sind sogar bis zum 10. Dezember abends keine Buchungen möglich. Wer eine Fahrkarte für diesen Zeitraum besitzt, kann diese nach Angaben der SNCF kostenlos stornieren oder umtauschen. „Wir werden die Situation kommende Woche noch einmal analysieren“, erklärte SNCF-Chef Jean-Pierre Farandou, dann würden weitere Entscheidungen in Sachen Fahrplan getroffen. Man könne allerdings erst kurz vor Streikbeginn sagen, welche Züge fahren und welche nicht.

Grund für den Streik sind die Rentenpläne der Regierung. Präsident Emmanuel Macron hat angekündigt, die fast 50 speziellen Rentensysteme in Frankreich zu einer einzigen Kasse zusammenfassen zu wollen. Die Eisenbahner sind davon besonders betroffen, da bei ihnen bis jetzt noch die großzügigsten Regelungen gelten. So können manche Mitarbeiter mit überdurchschnittlichen Bezügen schon mit 52 in den Ruhestand gehen. Die neuen Regelungen sollen zwar nur für Mitarbeiter gelten, die nach der angekündigten Rentenreform angestellt werden, doch die Gewerkschaften innerhalb der SNCF sind dennoch empört und zum Kampf entschlossen.



Die Regierung befürchtet, dass der Streik vom 5. Dezember nur der Vorbote für einen äußerst konfliktreichen Winter sein könnte. Schon einmal, im Jahr 1995, wollte die damalige Regierung des konservativen Premiers Alain Juppé das Rentensystem reformieren, musste nach wochenlangen Arbeitskämpfen die Pläne allerdings begraben.

Dieses Horrorszenario will Präsident Emmanuel Macron auf jeden Fall vermeiden, zumal die grundsätzliche Rentenreform eines seiner zentralen Wahlversprechen ist. Zeigte er sich anfänglich noch unnachgiebig, wurden die Töne zuletzt deutlich versöhnlicher. „Wir haben keinesfalls vor, diese Reform ohne die Gewerkschaften umzusetzen“, versicherte der Staatschef in diesen Tagen, unterstrich dann aber auch, dass er auf keinen Fall auf die Reform verzichten werde.

Ein großes Problem ist, dass die Wut der Franzosen in vielen Bereichen überkocht. Die große Sorge der Regierung ist es, dass sich all die Unzufriedenen zusammenschließen und das Land über Monate in ein Streik-Chaos stürzen. Aus diesem Grund versucht Präsident Macron, den Zorn der einzelnen Berufsgruppen mit gezielten Zusagen abzukühlen. Am Mittwoch haben Tausende Bauern mit ihren Traktoren die Straßen in Paris und anderen Städten blockiert. Sie fordern eine angemessene Bezahlung für ihre schwere Arbeit – Macron gelobt Erleichterung. Jüngst sind die Angestellten der Krankenhäuser auf die Straße gegangen und haben gegen die ständig schlechter werdenden Arbeitsbedingungen demonstriert. Die Regierung hat daraufhin einen milliardenschweren „Notfallplan“ angekündigt. In diesen Tagen hat ein Student versucht, sich selbst zu verbrennen, um damit auf die finanzielle Misere vieler junger Menschen während des Studiums aufmerksam zu machen. Die Regierung verspricht, die Mieten in den Wohnheimen im kommenden Jahr nicht zu erhöhen. All diese Maßnahmen kosten den Staat viele Milliarden Euro, doch die Ruhe im Land scheint es der Regierung Wert zu sein.