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EU-Austritt
Die Brexit-Fans feiern – London und Brüssel verschärfen den Ton

       Brexit-Fans feierten in der Nacht zu Samstag in London den EU-Austritt ihres Landes. Premier Johnson geht nun selbstbewusst in die Zukunftsgespräche mit Brüssel.
Brexit-Fans feierten in der Nacht zu Samstag in London den EU-Austritt ihres Landes. Premier Johnson geht nun selbstbewusst in die Zukunftsgespräche mit Brüssel. FOTO: dpa / Jonathan Brady
London. Von Katrin Pribyl und dpa

(SZ/dpa) Der Countdown, der auf die Backsteinfassade von Downing Street Nummer Zehn projiziert wird, endet – und springt auf null. Der Big Ben bongt, freilich vom Band, die echten Glocken bleiben wegen Reparaturarbeiten stumm. Nur wenige Meter entfernt auf dem Parliament Square jubeln tausende Menschen auf, schreien nicht nur ihre Freude über diesen historischen Moment heraus, sondern auch den Frust, der sich angesichts der politischen Dramen über Jahre angestaut zu haben scheint. Sie schwenken Union Jacks und strecken die Fäuste in den Nachthimmel. Brexit, endlich.

1317 Tage nach dem Referendum, in der Nacht zum Samstag, hat das Vereinigte Königreich 47 Jahre nach dem Beitritt die Europäische Union verlassen. Es ist der Moment der Sieger, und den wollen die Brexit-Fans mit der großen Abschiedsparty vor dem Westminster-Palast feiern. „Wir sind raus“, erscheint auf der riesigen Leinwand, als es soweit ist, die Versammelten singen die Nationalhymne. Bereits am frühen Abend kamen die Hartgesottenen trotz des Nieselregens, patriotisch beflaggt, behütet und bemalt. Einige Ministeriumsgebäude waren in blau-rot-weiße Farben getaucht, die Lichtshow war das Geschenk der Regierung an das europaskeptische Volk. Eine Stunde vor der offiziellen Scheidung wandte sich Premierminister Boris Johnson mit einer aufgezeichneten Ansprache an die Nation. Der Brexit sei für das Königreich „kein Ende, sondern ein Anfang“. Der Konservative will dieser Tage den großen Versöhner geben, nachdem er jahrelang als Chef-Spalter der Nation agierte.

Die Pro-EUler blieben am Brexit-Abend vornehmlich zu Hause. Vor dem Rathaus in London lud Bürgermeister Sadiq Khan Bewohner aus anderen EU-Mitgliedstaaten ein. Seine Botschaft an die mehr als eine Million in London lebenden EU-Bürger: „London ist offen und jeder ist willkommen.“ Labour-Politiker Khan versuchte als Brexit-Gegner stets, ein zweites Referendum durchzusetzen. Ohne Erfolg. Wehmut und Tränen herrschten in dieser Nacht im Lager der Pro-EUler. Jubel und Triumph überwogen dagegen auf der anderen Seite.



„Wir sind einfach nur glücklich“, sagt Marilyn Daley. Die 67-Jährige pilgerte in den vergangenen Jahren drei bis vier Mal pro Woche vor den Westminster-Palast, um am Ort der politischen Entscheidungsschlachten die Abgeordneten daran zu erinnern, wofür die Menschen am 23. Juni 2016 votiert hatten. „Wir haben dreieinhalb Jahre gewartet, jetzt endlich wird Demokratie respektiert.“ Sie freue sich darauf, die Unabhängigkeit, die Souveränität und ja, auch die Fischereigewässer zurückzubekommen. „Wir wollen stolz auf unser Land sein“, bestätigt Freundin Sharon Burnes, die aus der Grafschaft Essex anreiste. Aber, so werden sie trotz aller Euphorie nicht müde zu betonen, sie „hassen lediglich die EU, nicht Europa“.

Später soll Nigel Farage der Menge einheizen, der ehemalige Chef der Anti-EU-Partei Ukip und Gründer der Brexit Party. Er sagt Dinge wie: „Der Krieg ist vorbei, wir haben gewonnen.“ Oder: „Das ist der großartigste Moment in der modernen Geschichte dieser großartigen Nation.“ Die Sätze kommen an. Zur Befriedung der aufgeheizten Stimmung im Land tragen sie indes nicht bei. Auch an jenem Abend herrschen viel Wut und Ärger. Auf Plakaten fordern manche, „die Betrüger einzusperren“. Sie meinen jene Pro-Europäer, die für ein zweites Referendum oder gar den Verbleib in der EU kämpften. Ob die Lautstarken auf dem Parliament Square, die sich vor allem am englischen Nationalismus ereifern, auch einen Vorgeschmack auf das künftige Gebaren Brexit-Britanniens geben, wird die kommende Zeit zeigen.

Diesen Montag wollen London und Brüssel vorstellen, was sie in den Gesprächen über die künftigen Beziehungen erreichen wollen. Ein scharfer Ton war nach dem Brexit bereits zu hören. Nach Medienberichten will Premier Johnson der Brüsseler Forderung nach Anpassungen an EU-Standards eine Absage erteilen. Johnson strebt demnach eine Handelsbeziehung nach dem Vorbild des Ceta-Abkommens mit Kanada an. Auch EU-Unterhändler Michel Barnier steckte indes eine harte Linie für die anstehenden Verhandlungen ab. „Eines ist klar: Die Interessen eines jeden Mitgliedstaats und all unserer Bürger stehen an erster Stelle“, sagte er.