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Vergiftung der Skripals
Neues Gift für Beziehung von London und Moskau

LONDON. Das idyllische Städtchen Salisbury war nach dem Giftgasanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia nach  Medienrummel und Untersuchungen von Chemiewaffenexperten gerade wieder zur Ruhe gekommen. Von Katrin Pribyl

Nun steht der Ort erneut im Fokus. Die Polizei veröffentlichte gestern Fahndungsfotos von zwei Verdächtigen, bei denen es sich laut Premierministerin Theresa May um russische Agenten handelt. Sie seien Mitglieder des Militärgeheimdienstes GRU und hätten höchstwahrscheinlich im Auftrag der Regierung in Moskau gehandelt, sagte sie im Parlament.

Die diplomatischen Beziehungen zwischen London und dem Kreml verharren seit Monaten auf einem Tiefpunkt. Die Briten haben bereits vor Monaten Moskau für die Attacke verantwortlich gemacht, was eine Krise zwischen Russland und dem Westen auslöste. Das Königreich, aber auch die USA, Deutschland und weitere Verbündete wiesen in der Folge insgesamt mehr als 140 russische Diplomaten aus. Die neuen Hinweise dürften die Spannungen weiter anheizen.

Der Kreml bestreitet jegliche Verwicklung. Man kenne die Männer auf den von Scotland Yard veröffentlichten Fahndungsfotos nicht und auch die Namen „sagen uns nichts“, meldete sich gestern die Sprecherin des Außenministeriums in Moskau. London solle auf das „Manipulieren von Informationen“ verzichten.



Allerdings handelt es sich bei dem, was die Briten jetzt vorgelegt haben, um eine detaillierte, beinahe minutiöse Beschreibung des Tatwochenendes inklusive zahlreicher Bilder von Überwachungskameras. Die Ermittler werteten mehr als 11 000 Stunden Videomaterial aus und gingen 1400 Aussagen nach. Demnach landeten die Verdächtigen am 2. März, zwei Tage vor der Attacke, am Londoner Flughafen Gatwick, nutzten zur Einreise ins Königreich wohl Pässe unter den falschen Namen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow. Den Männern, die auf etwa 40 Jahre geschätzt werden, wird dreifacher versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und der Besitz des chemischen Kampfstoffs Nowitschok vorgeworfen. Neben Sergej Skripal, der früher für den GRU tätig war, und seiner Tochter wurde auch ein Polizist mit Vergiftungserscheinungen im Krankenhaus behandelt.

Während sich die Skripals, die damals bewusstlos auf einer Parkbank entdeckt worden waren, wieder erholt haben und mittlerweile an einem geheimen Ort leben, kam  Ende Juni ein britisches Paar aus Versehen in Kontakt mit dem Nervengift. Die 44-jährige Dawn Sturgess starb kurze Zeit später, ihr Partner Charlie Rowley überlebte. Im Haus des 45 Jahre alten Briten im naheliegenden Ort Amesbury entdeckten die Ermittler den Parfüm-Flakon mit dem Zerstäuber, mit dem die Verdächtigen den Stoff an die Tür der Skripals gesprüht haben sollen und den Rowley in einem Park gefunden hatte.

Mit Hilfe der auf der Insel weit verbreiteten Überwachungskameras konnten die Ermittler den Weg der zwei Männer nachvollziehen. So fuhren diese am Tag vor dem Anschlag nach Salisbury, wohl um den Ort auszukundschaften. Sie kehrten dann nach Ost-London in ihr Hotelzimmer zurück, in dem ebenfalls Spuren des Giftes gefunden wurden. Am Tat-Tag zeigen Kameras die Verdächtigen in der Nachbarschaft der Skripals. Die Polizei glaubt, dass die beiden,  nachdem sie den Kampfstoff an der Haustür angebracht hatten, den Zug zum Flughafen Heathrow nahmen und von dort nach Moskau abflogen.

Man hätte ausreichend Beweise, um Anklagen zu erheben, sagte der Chef der Anti-Terror-Einheit, Neil Basu. Um eine Auslieferung wollen sich die Briten aber nicht bemühen. Es wäre wohl auch aussichtslos. Und das nicht nur weil Russland prinzipiell keine Staatsbürger ausliefert.