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Wie die Länder mehr Fachkräfte anlocken können
„Es werden händeringend Leute gesucht“

Was aus der Sicht des Vorstandes der Bundesagentur für Arbeit einen Chef auszeichnet und was Arbeitgeber Bewerbern bieten müssen.

Herr Becker, wie wichtig ist es aus Ihrer Sicht als Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit heute für junge Leute schon vor dem Berufseinstieg Praktika zu machen, um sich früh einen Eindruck über die Anforderungen im Berufsleben zu verschaffen?

RAIMUND BECKER Ich kann das jedem Jugendlichen nur empfehlen. Ich habe das schon auf dem Gymnasium in den Ferien gemacht. Es hat mich unheimlich bereichert. Ich war im Wasser- und Installationsbereich tätig und habe geholfen, Gewinde zu schneiden. Ich wollte mein eigenes Geld verdienen. So habe ich mir auch mein Studium finanziert. Während meiner Bundeswehrzeit konnte ich den Lkw-Führerschein machen, ließ den umschreiben und bin auf Baustellen Lkw gefahren. In Wartezeiten habe ich manchmal sogar Hausarbeiten auf dem Lkw geschrieben. Auch bei einem Dachdecker habe ich mitgearbeitet. All das hat mir unheimlich geholfen.

Sie haben in dieser Zeit noch mehr gemacht.



BECKER Während des Studiums jobbte ich in einer Kneipe. Da lernt man Menschen und Verhaltensweisen kennen. Das hat mich reifer gemacht. Und ich wusste früh, worauf es im Beruf ankommt. Man muss pünktlich sein, lernen, mit Kollegen zurechtzukommen, und sich Kunden gegenüber dienstleistungsorientiert verhalten.

Ist ein Praktikum oder ein Ferienjob ein Vorteil, wenn man sich bewirbt?

BECKER Arbeitgeber fragen meistens auch, ob man schon einmal irgendwo gearbeitet hat. Würden mehr junge Leute sich früh austesten, hätten wir auch nicht so viele Abbrecher in der Ausbildung.

Liegt es auch an Eltern, dass der falsche Beruf ergriffen wird? Frauen wird oft geraten, sich traditionsbewusst zu verhalten. Dabei hätten sie in Berufen, die früher als Männerdomäne galten, große Chancen.

BECKER Junge Menschen werden heute viel mehr beeinflusst. Die Eltern sagen das eine, der Freundeskreis das andere. Und dann gibt es noch gigantische Informationsmöglichkeiten im Internet. Ich empfehle jungen Menschen, dass sie sich selbst vertrauen und – so viel Eigenwerbung muss sein – sich mit ihrem Berufsberater in der Arbeitsagentur und dem Jobcenter treffen. Die Jugendlichen kennen ihre Talente meist ganz gut. Die Berufsberatung hilft, weil sie neutral ist. Sie hört zu, gibt Tipps, aber entscheiden muss jeder selbst.

Was macht heute einen Arbeitgeber attraktiv?

BECKER Ein anständiges Gehalt, aber vor allem müssen die Arbeitsbedingungen passen, das Miteinander, das Klima. Weiterbildungsmöglichkeiten werden erwartet. Und nach meiner Beobachtung gewähren immer mehr Betriebe Sonderleistungen. Da wird einem Auszubildenden ein Mofa zur Verfügung gestellt, damit er besser zur Arbeit kommt, weil der Öffentliche Personennahverkehr nicht gut angebunden ist. Oder das Unternehmen finanziert den Führerschein mit. Heute müssen sich Arbeitgeber vieles einfallen lassen.

Wie wichtig sind Leistungsanreize?

BECKER Anerkennung muss sich nicht in mehr Geld ausdrücken. Anerkennung heißt, dass der Chef Rückmeldung gibt, jemanden auch mal einlädt, zum Beispiel zu einem Essen. Motivation kommt auch dadurch zustande, dass sich der Chef Zeit nimmt.

Was macht für Sie einen guten Chef aus?

BECKER Man kann ihn an seinem Führungsstil erkennen. Ein moderner Chef gibt heute gewisse Linien vor, und dann arbeitet jeder in diesem Sinne mit Freiheiten und entsprechender Kompetenz.

Was wird aus Unternehmen, die diese Führungs- und Umgangsprinzipien nicht praktizieren?

BECKER Sie werden einen brutalen Wettbewerbsnachteil haben und womöglich ganz vom Markt verschwinden. Heute können sich sehr häufig Arbeitnehmer ihren Arbeitgeber aussuchen.

Mit welchen Folgen?

BECKER 2030 werden Arbeitnehmer noch ganz andere Forderungen stellen, wenn sie zum Beispiel in eine andere Region umziehen sollen. Dann wird sich ein Arbeitgeber auch mit um eine Wohnung kümmern müssen, die schulische Betreuung der Kinder und einen Job für den Lebenspartner.

Wie können wir es schaffen, dass mehr Fach- und Führungskräfte hierher kommen? Unser Image als Region ist nicht gerade sexy.

BECKER Ich selbst pendele seit 15 Jahren zwischen meinem Heimatort Neunkirchen und der Zentrale der Bundesagentur in Nürnberg. Das Ganze ist vor allem eine Frage der Einstellung. Ich käme nicht auf die Idee, nach Nürnberg oder in eine andere Stadt umzuziehen. Das Saarland ist für mich Heimat. Da bin ich zu Hause, da sind meine Frau, meine Familie und meine Freunde. Das Andere ist eben der Beruf. Ich lebe meine Zugehörigkeit zum Saarland ganz bewusst. Ich erzähle anderen gerne von den Vorzügen des Landes. Selbst mein Fahrer, der aus Nürnberg kommt, bewundert das Saarland.

Was sagt er über uns?

BECKER Eure Leute sind so liebenswürdig, freundlich. Man findet schnell Kontakt. Eure Wurst schmeckt super. Man sieht doch auch, dass allmählich immer mehr Touristen an die Saar kommen.

Dennoch bleiben viele weg.

BECKER Das liegt halt leider am Image. Es dauert Jahrzehnte, so etwas zu ändern. Und viele sagen immer noch, das Saarland bestehe aus Dreck und Schloten.

Eigentlich unglaublich, zumal es Image-Kampagnen gibt.

BECKER Die beste Image-Werbung bleibt, Menschen einzuladen und ihnen das Land zu zeigen. Jeder Saarländer, der Menschen von außerhalb kennt, sollte das tun. Wer kommt, ist meist begeistert. Wir müssen aber noch mehr in unser Land investieren.

In welchen Bereichen?

BECKER Zum Beispiel in neue wirtschaftliche Bereiche. In der Autoindustrie gibt es das ja schon. Da treffen sich jeweils die Experten einer Branche in einem Cluster, um gemeinsam Ideen, neue Produkte und Technologien auf den Weg zu bringen. Solche Wirtschaftszweige locken auch hoch qualifizierte Leute und Persönlichkeiten zu uns. Dann entsteht viel Neues.

Eine derzeit heftig geführte Debatte ist die über ein solidarisches Grundeinkommen. Wie denken Sie darüber?

BECKER Ich halte nichts davon. Aus meiner Sicht ist es das falsche Konzept zur falschen Zeit.

Wieso?

BECKER Das solidarische Grundeinkommen wird für diejenigen gezahlt, die in Vollzeitform in einer Art Arbeitsbeschaffungsmaßnahme arbeiten, die dem Gemeinwohl dienen. Diese Idee führt in unserer Zeit, in der die Arbeitslosigkeit immer weiter zurückgeht, dazu, dass dem normalen ersten Arbeitsmarkt zahlreiche Menschen entzogen werden. Jeder Empfänger von Arbeitslosengeld II könnte an solchen Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die durch das solidarische Grundeinkommen bezahlt werden, mitwirken. Viele Menschen haben aber wegen sinkender Arbeitslosigkeit bessere Chancen auf dem ersten Arbeitsmarkt. Wenn die nicht mehr dem ersten Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, halte ich das für arbeitsmarktpolitisch völlig falsch. Das ist auch eine falsch verstandene Solidarität. Die Solidarität, die die Gesellschaft schuldet, besteht darin, dass das Existenzminimum gezahlt und alles unternommen wird, damit betroffene Menschen wieder in den normalen Arbeitsmarkt kommen.

Also ein Webfehler im System?

BECKER Ja. Das solidarische Grundeinkommen setzt voraus, dass diejenigen, die es erhalten, möglichst lange im System der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen bleiben. Zugleich haben wir 800 000 offene Stellen in Deutschland. Und die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten steigt jährlich um 700 000 an. Es werden händeringend Leute gesucht.

Wie beurteilen Sie die Hartz-IV-Reformen?

BECKER Ich war damals an der Gestaltung der Reformen beteiligt. Und ich halte sie auch heute noch für richtig. Die Grundsicherung für Arbeitsuchende, landläufig Hartz IV genannt, war und ist erfolgreich. 2005 hatten wir fünf Millionen Arbeitslose, heute 2,4 Millionen. 2005 suchten 1,8 Millionen Langzeitarbeitslose eine Beschäftigung, heute 850 000. Das sind noch zu viele, aber die Grundlage für die Grundsicherung, das System des Förderns und Forderns, kombiniert mit Zeitarbeit und der Flexibilisierung der Beschäftigungsverhältnisse, hat geholfen. Damals fehlte aus Gründen der Gerechtigkeit noch der Mindestlohn. Den gibt es inzwischen auch.

Dennoch kann man den Reformen ankreiden, dass sie viel zu kompliziert sind und Betroffene zu viel Persönliches einbringen müssen.

BECKER Ein Punkt muss dringend vereinfacht werden: das gesamte materielle Recht der Leistungsgewährung. Fast 40 Prozent unserer Leute, in manchen Jobcentern über die Hälfte, sind damit beschäftigt, die Leistungsbescheide zu erstellen. Die sind so komplex, dass sie ein normaler Bürger nicht versteht. Ein Beispiel: Wir wollen, dass die Einzelfallgerechtigkeit gewährleistet ist. Das führt dazu, dass zum Beispiel in die Berechnung einfließt, ob Sie das Wasser aus dem Elektroboiler bekommen. Dann gibt es unterschiedliche Anrechnungsvorschriften, je nachdem, wie alt Sie sind. Es wird berücksichtigt, ob ein Kind nach einer Trennung beim Vater oder der Mutter lebt. Und so weiter. Man könnte auf viele kleinere Dinge verzichten und Pauschalierungen finden, zumal die Verwaltungskosten manchmal höher sind als das, was die Leute am Ende bekommen.

Ein anderes Thema ist die Zuwanderung. Hat die Kanzlerin recht, wenn sie sagt: Wir schaffen das?

BECKER Ich bin auch dieser Meinung. Die Frage wird sein, wie lange das dauert. Man muss hier unterscheiden. Wir haben in Deutschland jährlich eine Steigerung der sozial­versicherungspflichtig Beschäftigten um 700 000. Rund 30 Prozent davon kommen aus dem europäischen Ausland. Sie dürfen im Zuge der Arbeitnehmerfreizügigkeit in jedem europäischen Land arbeiten. Die Hauptherausforderung für Deutschland ist und wird die Zuwanderung aus Drittstaaten. Von dort kommen Menschen, die sich zum Beispiel um die Alten- und Krankenpflege kümmern. Diese Menschen brauchen wir dringend. Unter den Flüchtlingen sind viele junge motivierte Menschen, die weiterkommen wollen. Sie haben sprachliche Probleme und oft eine nicht vergleichbare berufliche Qualifikation. Wir an der Saar haben im Vergleich zum restlichen Bundesgebiet einen Vorteil.

Welcher ist das?

BECKER Die Flüchtlinge, die an die Saar gekommen sind, stammen zum größten Teil aus Syrien. Ihr Bildungsniveau ist im Vergleich zu anderen Geflüchteten hoch. Es ist der Landesregierung und uns als Bundesagentur gelungen, Anerkennungsverfahren zu beschleunigen und direkt im Anschluss berufliche Eingliederungsmaßnahmen anzubieten. Deutschlandweit konnten 2017 rund 70 000 Flüchtlinge in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung wechseln. Sie sind in der Zeitarbeit tätig, in der Lagerlogistik, im Reinigungsgewerbe, Hotels- und Gaststätten, aber auch als Pflegekräfte. Bundesweit schaffen es wöchentlich 1500 Flüchtlinge, die Arbeitslosigkeit zu verlassen. Das alleine ist doch schon ermutigend.

Wie erklären Sie sich die immer noch starken Vorbehalte vieler Menschen gegenüber Flüchtlingen?

BECKER Viel haben einfach Angst vor anderen Kulturen. Klar ist, dass diese Menschen keine Arbeitsplätze wegnehmen. Diejenigen, die zu uns kommen, brauchen aber auch unsere Hilfe. Sie sollten gerade auch im Saarland besonders willkommen sein. Sie bereichern unsere Gesellschaft und auch unser Vereinsleben.

DAS GESPRÄCH FÜHRTE
THOMAS SPONTICCIA