| 20:42 Uhr

Serie Wie Saarländer das Kriegsende erlebten
Codewort „Alpenrose“

 Elfriede Grunert wird im März 95 Jahre alt und lebt heute im Altersheim St. Hildegard in Wadgassen. Nachdem sie ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet hat, fehlt es ihr nun sehr, sich körperlich zu betätigen.
Elfriede Grunert wird im März 95 Jahre alt und lebt heute im Altersheim St. Hildegard in Wadgassen. Nachdem sie ihr ganzes Leben lang hart gearbeitet hat, fehlt es ihr nun sehr, sich körperlich zu betätigen. FOTO: Robby Lorenz
Wadgassen . Elfriede Grunert musste als Flak-Helferin nach Bayern und floh bei Kriegsende nach Weimar. Erst 1949 kam sie zurück ins heimische Wadgassen. Von Sarah Tschanun

Zutiefst ergriffen war Elfriede Grunert, als sie das KZ Buchenwald im Erwachsenenalter besuchte. „Die Verbrennungsöfen und die Baracken, das steht ja alles noch“, sagt die 94-jährige.

„Es ist für mich einfach unvorstellbar, was für grauenhafte Dinge hier passiert sind. Und ich habe meine Evakuierung ganz in der Nähe verbracht. In einem Ort bei Weimar.“ In Buchenwald sollen in der NS-Zeit insgesamt 280 000 Menschen inhaftiert gewesen sein. Die Zahl der Todesopfer wird auf 56 000 geschätzt. Die Bedingungen hier waren katastrophal. Es wurden grausame, medizinische Experimente an Gefangenen gemacht. Sie waren zusammengepfercht, so dass sich Krankheiten schnell ausbreiten konnten und nicht behandelt wurden. Viele wurden durch Genickschuss oder Giftspritzen getötet. Und da das städtische Krematorium in Weimar die große Anzahl an Toten nicht bewältigen konnte, wurde 1940 ein eigenes im Lager errichtet.

Damals wusste die 14-jährige Elfriede davon noch nichts. Bis zu jenem Tag, an dem Ihr Vater wieder einen LKW vom Lager durch Weimar fahren musste. Er arbeitete für das „Sauckel-Werk“, eine Waffenfabrik einer Parteistiftung der NSDAP. Benannt wurde es nach dem Gründer und Gauleiter Thüringens, Fritz Sauckel, der auch der Generalbevollmächtigte für den Einsatz von Zwangsarbeitern war. „Mein Vater durfte nicht aussteigen oder sehen, wie der LKW beladen wurde. Er sollte nur fahren. Bis eines Tages mitten in der Stadt eine Leiche vom LKW runter fiel. Danach wussten wir, dass hier etwas nicht stimmt.“



1940 war Elfriede Grunert wieder zurück in Hostenbach. Ein Jahr später, mit 16 Jahren, ging sie für ein halbes Jahr auf die Handelsschule in Völklingen. Sie lernte Maschinenschreiben, Stenografie und Buchführung. Bis 1944 hat sie in der Verwaltung der Saargruben gearbeitet. Sie war auch in der Hitlerjugend, so wie alle Mädchen, die sie kannte. Freiwillig? „Ja, da hat uns ja niemand dazu gezwungen.“

Bereits mit 17 Jahren hätte sie zum Arbeitsdienst eingezogen werden sollen. Doch ihr Chef bei den Saargruben „reklamierte“ sie. Dann kam ein großer Luftangriff auf Saarbrücken 1944, und das Haus, in dem sie gearbeitet hatte, wurde getroffen. Nun musste sie trotz Reklamation zum Arbeitsdienst nach Zirndorf bei Nürnberg. Eine harte Zeit begann, denn sie wurde hier innerhalb von sechs Wochen zur Flakhelferin ausgebildet. „Normalerweise dauerte so eine Ausbildung zwei Jahre. Aber die ausgebildeten Flakhelferinnen waren an andere Stützpunkte gebracht worden, wo sie dringender gebraucht wurden.“

Kurz vor dem Kriegsende wurden alle Mädchen und Jungen, die über 16 Jahre alt waren für den Kriegsdienst eingesetzt. „Zuerst haben wir am 150er-Scheinwerfer gearbeitet. Wir mussten damit nachts den Himmel ableuchten, wenn es zum Luftangriff kam. Wir Mädchen standen in der Mitte beim Scheinwerfer. Um uns herum die Flaksoldaten, die den Feind abschießen sollten.“ Das war enorm beängstigend für sie und die anderen jungen Frauen. Vor allem als sie dann den „200er-Werfer“ bedienen mussten. „Der machte die ganze Umgebung taghell. Und oben drüber flog der Feind. Das waren schreckliche Momente.“

Die Mädchen hausten in dieser Zeit in einer Baracke, deren Tür nicht richtig schloss. So mussten sie den eiskalten Winter 1944 verbringen. Ohne, dass sie winterfeste Kleider und Schuhe hatten. Und jeden Tag mussten sie die Kabel und den Generator des Scheinwerfers vom Schnee frei schippen. Ein alter Flak-Soldat, der einen Arm im Krieg verloren hatte, war ihre „Aufsicht“. Er sollte sich darum kümmern die Unterkünfte in Stand zu halten, was er nicht tat.

Wenn es nachts Fliegeralarm gab, musste Elfriede sofort aus der Baracke zum Scheinwerfer und diesen in Gang bringen. „Es wurde dann immer ‚Alpenrose‘ geschrien.“ Das war das Codewort für einen Angriff des Feindes. „Wir sind dann aufgeschreckt und sofort losgerannt. Ich weiß noch, dass wir eben nicht so schnell waren wie die ausgebildeten Flakhelferinnen. In der Aufregung hat auch nicht alles geklappt, wie es sollte. Dann hieß es Truppe Q8, wie man uns nannte, los, sofort leuchten! Sofort leuchten!“

Die zweite Flak-Stellung, in die sie versetzt wurde, war in Fürstenfeldbruck, in Bayern. Hier gab es zwar neugebaute Baracken, aber die waren von Anfang an „komplett verwanzt“. Weil ihre Kameradinnen jeden Morgen mit blutigen Bissen übersäht waren, schlief Elfriede nächtelang auf dem einzigen Tisch im Raum, anstatt in ihrem Bett: „Es war wirklich übel. Jeden Morgen wenn die Lampe über dem Tisch angemacht wurde, fielen die Wanzen in Massen herunter.“ Sie waren immer dreckig. Es gab weder Gelegenheit sich selbst, noch die Kleider zu waschen. Bis sich eine Frau in der Gegend erbarmte und den Mädchen erlaubte, einmal in der Woche ihre Waschküche zu benutzen.

In ihrer Batterie hörte sie von immer mehr Flak-Heferinnen, die einfach verschwunden waren. Sie waren abgehauen. Der Krieg näherte sich dem Ende, und viele fingen an, sich gegen den Arbeitsdienst zu wehren. Sie erinnert sich noch genau daran, dass es der 5. April 1945 war, an dem sie selbst heimlich das Lager verließ. „Ich hatte meine zusammen gesparten 100 Reichsmark für eine Fahrkarte aufgeopfert. Ich wollte nur noch weg.“ Nach Weimar, denn hier war ihre Mutter in der Evakuierung. „Ich saß schon im Zug, als plötzlich Feindalarm geläutet wurde und wir erst mal in einen Bunker mussten. Mit ein paar Mädchen zusammen saßen wir da drin, bis der Alarm vorbei war.“ Da der Zug nicht mehr fahren konnte, machten sich die jungen Frauen zu Fuß auf – von Bayern nach Weimar. Am 20. April kam sie an, am Geburtstag ihrer Mutter. Und an dem von Adolf Hitler. Der wurde nun aber nicht mehr heroisiert. Es war nun allen klar, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war. Elfriede hatte einen 14-tägigen Fußmarsch hinter sich. Sie konnte kaum noch laufen, ihre Füße waren vereitert. Unterwegs hatten die Mädchen in Scheunen geschlafen und bei Bauern um Essen gebettelt. Aber sie war glücklich, endlich wieder bei ihrer Mutter zu sein. Elfriede sollte aber noch sehr viel mehr durchstehen müssen.

1949 wollten sie und ihre Mutter wieder heim nach Hostenbach. Elfriedes Vater, der bis dahin in französischer Kriegsgefangenschaft gewesen war, war dorthin zurückgekehrt. Er war zum Ende des Krieges eingezogen worden und musste zur Marine nach Frankreich. Elfriede hatte mittlerweile in Weimar geheiratet.

Mit dem ehemaligen Flak-Soldaten hat sie auch eine Tochter bekommen. Sie mussten 1000 Mark bezahlen, um illegal über die Grenze zu gelangen. Von der russischen Besatzungszone in jene der Engländer.

Drei Grenzen musste die Flüchtlingsfamilie „schwarz“ überqueren, denn Pässe hatten sie keine. Von der englischen Zone ging es weiter zur amerikanischen. Dann weiter in die Französische Zone. Bei Homburg wurden sie von französischem Militär gefasst.

„Mein Kind war krank, die Augen dick und zugeschwollen und ich hab’ die Franzosen angebettelt. Ich wollte wenigstens mein Kind zu meinem Vater geben.“ Die Franzosen erlaubten es. Sie, ihr Mann und ihre Mutter wurden dann in den nächsten Zug „gepresst“ – ins Flüchtlingslager nach Worms.

Doch sie gaben nicht auf. Bei Türkismühle sind sie aus dem Zug ausgestiegen und fanden hier Unterkunft im Keller einer Frau, die beim Fernmeldeamt arbeitete. Sie kontaktierte Elfriedes Vater, der die drei in einer „Nacht-und-Nebel-Aktion“ abholte. Er brachte sie mit Hilfe eines geliehenen Transporters nach Hostenbach. „Es war extrem gefährlich. Das Haus der Frau, die mehreren Flüchtenden Unterkunft bot, lag genau neben dem Zollamt“.

Endlich angekommen, konnten sie sich nicht beim Meldeamt registrieren lassen, denn das kostete 750 Franken. So musste ihr Mann drei Tage „ins Kittchen“ – bezahlen konnte er nämlich nicht. Sie durften nur mit einer vorläufigen Aufenthaltsgenehmigung im Saarland leben, bis sie 1953 dann endlich saarländische Pässe bekamen. Erst jetzt konnte Elfriede mit einem „normalen Leben“ beginnen.

Die 94-Jährige kann sich sehr gut in die heutigen Flüchtlinge hineinversetzen: „Nach so einer Flucht ist man sowieso schon am Ende. Und dann muss man auch noch mit der Angst leben, dass man jederzeit ausgewiesen werden kann. Es ist schlimm, dass es auch heute noch vielen Menschen so geht.“

 Mit circa 13 Jahren war sie im Jungmädelbund, dem nationalsozialistischen Verband für zehn bis 14-jährige Mädchen.  Hier trägt sie ihre Uniform.    Foto: Robby Lorenz
Mit circa 13 Jahren war sie im Jungmädelbund, dem nationalsozialistischen Verband für zehn bis 14-jährige Mädchen. Hier trägt sie ihre Uniform. Foto: Robby Lorenz FOTO: Robby Lorenz
 Elfriede Grunerts Vater (rechts im Bild mit Jacke im Arm) 1942 im heimischen Hostenbach. Das Haus im Hintergrund wurde im Krieg vollständig zerstört.   Foto: Robby Lorenz
Elfriede Grunerts Vater (rechts im Bild mit Jacke im Arm) 1942 im heimischen Hostenbach. Das Haus im Hintergrund wurde im Krieg vollständig zerstört. Foto: Robby Lorenz FOTO: Robby Lorenz