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Großregion
Ein weiteres Puzzlestück im gelebten Europa

Schloss Senningen/Luxemburg. Rheinland-Pfalz und Luxemburg bauen die Berufsausbildung über die Grenzen aus: Die Regierungschefs unterzeichnen ein Abkommen. Von Sabine Schwadorf

Mit inzwischen rund 45 000 Grenzgängern, die täglich zwischen Rheinland-Pfalz und Luxemburg zur Arbeit pendeln, ist der Arbeitsmarkt extrem durchlässig geworden. Doch was für Arbeitnehmer längst selbstverständlich ist, ist in der Ausbildung jedoch noch lange nicht alltäglich: Den Weg für Lehre, Praktikum oder Prüfung über Landesgrenzen hinweg zu unternehmen, ist mitunter schwierig. Unterschieldiche Lehrpläne, Prüfungsordnungen oder Anerkennungsregeln erschweren die Ausbildung über Grenzen.

Bislang gibt es etwa 200 grenzüberschreitende Lehrverhältnisse, bei denen die Azubis den praktischen Teil ihrer Ausbildung in dem einem Land und die schulische Ausbildung im anderen Land absolvieren, im Bereich der von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier registrierten Verträge sind es knapp 100, überwiegend im Transport- und Logistikgewerbe. „Da ist noch viel Luft nach oben. Wir müssen zu der größtmöglichen Mobilität auch in der Ausbildung kommen“, gesteht die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Deshalb müsse die Politik zügig den Rahmen setzen, damit auch grenzüberschreitende Ausbildung „gelebte Wirklichkeit für junge Menschen wird“, formuliert es Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel. Folglich haben er und Dreyer nun ein bilaterales Abkommen zum Ausbau der grenzüberschreitenden Berufsbildung auf Schloss Senningen unterzeichnet.

„Wir kommen mit dem Abkommen unserem Ziel eines offenen und grenzüberschreitenenden Arbeitsmarktes ein Stück näher. Und so stelle ich mir Europa vor: als einen Ort, an dem einer vom anderen lernt, als eine Zusammenarbeit im Interesse der Bürger“, sagt der Luxemburger Regierungschef. Für seine rheinland-pfälzische Kollegin ist das bilaterale Abkommen „ein weiteres Puzzlestück, um die nachbarschaftliche Zusammenarbeit auch in der Berufsausbildung zu vertiefen“, sagt die Ministerpräsidentin.



Vor allem in der Landwirtschaft, bei Erziehern und in der Pflege wollen die Nachbarländer verstärkt zusammenarbeiten. „Wir haben von der Ausbildung her ein ähnliches Ziel. Das Abkommen soll eine Win-Win-Situation für beide Länder sein“, sagt der luxemburgische Bildungsminister Claude Meisch. Er kann sich sogar für das Gesundheits- und Pflegewesen eine Art Masterplan vorstellen, „in dem wir den Fachkräftebedarf auf beiden Seiten der Grenze analysieren und festlegen. Das soll sich für beide Länder lohnen“. Dies könne dem Fachkräftemangel vorbeugen. „In der Pflege liegt noch viel Potenzial“, ist er überzeugt.

Auch im Handwerk sieht die Politik nun dank der Absprache die Chance, „schneller zu konkreten Vereinbarungen“ zu kommen, sagt Malu Dreyer. Dies ist Wasser auf die Mühlen der Praktiker aus den Wirtschaftskammern vor allem in der Region Trier. Vor wenigen Monaten erst hatte der Hauptgeschäftsführer der IHK Trier, Jan Glockauer, eine Initiative für einen Ausbau der grenzüberschreitenden Ausbildung gestartet. Nun unterzeichnet er mit seinen Kollegen ebenfalls das bilaterale Abkommen. „Es ist ein kleiner Baustein, der das Rad ,grenzüberschreitende Ausbildung’ am Laufen hält. Wir müssen nun in der Praxis alles daran setzen, dass das Abkommen mit Leben erfüllt wird“, sagt er.

Für Rudi Müller, Präsident der Handwerkskammer (HWK) Trier, ist das Abkommen vor allem in handwerklichen Splitterberufen wie bei Buchbindern oder Tierpflegern eine Hilfe. „Das bringt uns ein gutes Stück weiter“, sagt er. Seit Jahren würde daran gearbeitet, die Ausbildungen auf beiden Seiten der Grenze anzupassen, allerdings seien die Ansprüche unterschiedlich. Denn angesichts von immer kleineren Berufsschulklassen und einer Beschränkung des Lehrangebots und weniger Ausbildungsbetrieben in manchen Berufen finden Handwerksazubis nun auch in Luxemburg eine Prüfungsmöglichkeit oder zusätzliche digitale Ausbildungsmodule.

Hintergrund für das bilaterale Abkommen zwischen Rheinland-Pfalz und Luxemburg ist ein großes Rahmenabkommen zur grenzüberschreitenden Ausbildung mit allen beteiligten Staaten und Regionen der Großregion, das bereits vor vier Jahren geschlossen wurde. 2014 war aber schon klar: Regionale Besonderheiten in der Ausbildung können nur jeweils zwischen zwei Staaten gelöst werden. Und so folgt nach einer Vereinbarung mit der deutschsprachigen Gemeinschaft Ostbelgiens diejenige mit dem Großherzogtum. Eine ähnliche Erklärung mit der französischen Region Grand Est, zu der unter anderem Lothringen und das Elsass gehören, soll auch dieses Jahr unterzeichnet werden.

Sie haben sich darauf verständigt, die grenzüberschreitende Berufsausbildung auszubauen: die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel.
Sie haben sich darauf verständigt, die grenzüberschreitende Berufsausbildung auszubauen: die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel. FOTO: Harald Tittel / dpa