| 20:12 Uhr

Münster
Ein Super-Schuhkarton fliegt zum Merkur

An diesem Samstag startet erstmals eine Mission zum Merkur. Das Mini-Gerät Mertis (Bild oben) soll lang ersehnte Erkenntnisse liefern.
An diesem Samstag startet erstmals eine Mission zum Merkur. Das Mini-Gerät Mertis (Bild oben) soll lang ersehnte Erkenntnisse liefern. FOTO: dpa / ---
Münster. Klingt wie Science Fiction: Ein Hightech-Mini-Instrument soll erstmals den kleinsten Planeten im Sonnensystem erforschen.

Es ist eine Weltneuheit, hat die Minimaße eines Schuhkartons – und startet nun zum Merkur. Sieben Jahre wird das Hightech-Gerät Mertis unterwegs sein. Es ist ein Infrarotspektrometer und soll vor allem die Oberfläche Merkurs erkunden und auch Puzzleteile liefern, die die Entstehung unseres Sonnensystems verstehen helfen.

Planetologe Harald Hiesinger von der Uni Münster ist der wissenschaftliche Leiter des Projekts. Dessen Start in der Nacht zum heutigen Samstag vom Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana aus wird er vor Ort verfolgen. Es ist eine Premiere und eine schwierige Mission.

„Mertis zeichnet die Wärmestrahlung auf, die vom Merkur ausgeht. Daraus können wir Aussagen treffen, wie warm die Oberfläche ist und wie sie zusammengesetzt ist.“ Zu den Zielen gehört weiter, herauszufinden, welche Gesteine auf der Oberfläche auftreten und welche physikalischen Eigenschaften sie haben. Und ob der Merkurkern wirklich flüssig ist.



Der Merkur ist ein extremer Planet, rund 430 Grad heiß, kaum eine Mission hat sich bisher je an den sonnennächsten Planeten herangetraut. Die europäische Raumfahrtagentur ESA und die japanische Agentur JAXA hatten die Idee, gemeinsam eine Mission zum kleinsten Planeten unseres Sonnensystems zu starten. Die Raumsonde „BepiColombo“, die nun startklar ist, ist der ESA zufolge die erste Mission Europas zum Merkur. Und 14 Jahre nach der ersten Planung und einigen Rückschlägen ist es nun endlich so weit: Eine Ariane-5-Rakete mit den zwei autonomen Wissenschaftssatelliten der Europäer und Japaner steht bereit.

Geplanter Start ist nach europäischer Zeit am frühen Morgen des 20. Oktober. Die Flugzeit beträgt sieben Jahre. Im Dezember 2025 – bei Ankunft der Raumsonde in der Ziel-Umlaufbahn am Merkur – sollen sich die beiden Satelliten trennen. Der japanische Satellit MMO erforscht dann das Magnetfeld, der europäische Satellit MPO die Oberfläche. Und dafür braucht es den kleinen Mertis.

Das weltweit einmalige Messgerät hat eine längere Vorgeschichte. Es misst nur 13 mal 13 mal 18 Zentimeter, ist mit drei Kilogramm ein Leichtgewicht und braucht extrem wenig Strom, wie Mit-Schöpfer Hiesinger erklärt. Sonst seien Infrarotspektrometer „etwa tischgroß“. Aber zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Berlin und einigen Industriepartnern habe man binnen zehn Jahren eine Miniaturisierung geschafft, um das Instrument raumfahrttauglich zu machen.

„Unser Raumschiff mit den Sonnen-Paneelen für die Energieversorgung muss die extreme Hitze aushalten können“, sagt der Experte. Mit mehreren Vorbeiflügen soll sich der Satellit dem Ziel exakt nähern, denn: „Wenn wir nicht im richtigen Winkel und mit der richtigen Geschwindigkeit ankommen, wird unser Raumschiff von der Schwerkraft der Sonne eingesaugt.“ Bei den Vorbeiflügen am Merkur – und zweimal auch an der Venus – kann Mertis immerhin schon Test-Aufnahmen machen.

2007 übernahm Hiesinger das Projekt. Was erhofft er sich nun, kurz vor dem Start? Vor allem viele Antworten. Warum hat der Merkur so einen ungewöhnlich großen Eisenkern? Wieso gibt es bei der Megahitze Wassereis auf den Kraterböden an den Polen? Wie entstand die Oberfläche? So gut wie ausgeschlossen ist jedenfalls laut Hiesinger, dass es Leben auf dem Merkur gibt.

Der Planetologe Harald Hiesinger von der Universität Münster ist wissenschaftlicher Leiter von Mertis.
Der Planetologe Harald Hiesinger von der Universität Münster ist wissenschaftlicher Leiter von Mertis. FOTO: dpa / ---