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Harvey Weinstein
Dramatisches Finale im MeToo-Prozess

  Schuldig oder nicht? Nächste Woche soll das Urteil im Vergewaltigungsprozess gegen Harvey Weinstein fallen.
Schuldig oder nicht? Nächste Woche soll das Urteil im Vergewaltigungsprozess gegen Harvey Weinstein fallen. FOTO: AP / Seth Wenig
New York. Die Verhandlung gegen Harvey Weinstein in New York nähert sich dem Ende: Bei einer Verurteilung droht dem Ex-Medienmogul Lebenslang. Von Frank Herrmann

„Der Angeklagte“, sagt Joan Illuzzi-Orbon, „war der Herr des Universums, und die Zeuginnen waren nur Ameisen, auf die er treten konnte, ohne dass es Folgen hatte“. Mit dem Abschlussplädoyer der federführenden Staatsanwältin hat am Freitag die vorletzte Phase des Prozesses gegen Harvey Weinstein begonnen. In der letzten, womöglich schon kommende Woche, hat die Geschworenen-Jury ihr Urteil zu fällen. Spricht sie den ehemaligen Filmproduzenten schuldig, droht ihm lebenslange Haft.

Weinstein, so die Chefklägerin, habe sich wie ein Raubtier verhalten. Er habe seine Macht missbraucht, um Frauen im Filmgeschäft zu manipulieren und sexuell zu nötigen. Tags zuvor war der 67-Jährige noch bestens gelaunt aus dem Saal Nr. 99 gekommen, jedenfalls hatte er gute Laune zur Schau gestellt. „Wir haben soeben die Rede der Königin gehört“, hatte er den Journalisten im fünfzehnten Stock des New York State Supreme Court zugerufen. „The Queen’s Speech“: Klar, worauf er anspielte: „The King’s Speech“, die von ihm produzierte Hollywood-Story des britischen Monarchen Georg VI., der mit Hilfe eines klugen Sprachtherapeuten sein Stottern in den Griff bekommt und eine historische Rede hält. Weinstein, auf einen Rollator gestützt, setzt auf dramatische Inszenierung. Gemeint mit „Queen“ war Donna Rotunno, seine Chefanwältin, die der abgestürzte Filmmogul mit einer Königin vergleicht, weil sie den Saal mit ihrer Rede „rockte“.

Die Frage, um die sich alles dreht: Sind die Erkenntnisse der MeToo-Bewegung auch justiziabel? Kann man einem Kinomogul, der sinnbildlich für die Macht steht, die manche Männer in Führungspositionen missbrauchen, um sich an Frauen zu vergehen, seine mutmaßlichen Straftaten nachweisen? Rotunno erklärt MeToo in ihrem Schlussplädoyer zu einer Welt, in der es keiner Beweise bedarf, um zu verurteilen. Ein Gericht dürfe aber nicht irgendeiner Stimmung folgen, so populär die auch sein möge. Es gehe allein um Fakten. „Sie müssen Herrn Weinstein nicht mögen, das ist kein Beliebtheitswettbewerb“, sagt Rotunno, an die zwölf Geschworenen gewandt. „Aber Sie sollten sich daran erinnern, dass wir nicht hier sind, um Moral zu kriminalisieren.“



Rotunno hatte zuletzt Jessica Mann, die zentrale Belastungszeugin, mit schnellen, harten Fragen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht. Weinstein wird vorgeworfen, die junge Schauspielerin 2013 in einem Hotel in Manhattan vergewaltigt zu haben. Seine Produktionsassistentin Mimi Haleyi soll er 2006 zum Oralsex gezwungen haben. Er bestreitet die Anschuldigungen und spricht von einvernehmlichen sexuellen Kontakten. Das sind die beiden Fälle, um die es in New York geht; dutzende weitere sind verjährt oder Gegenstand zivilrechtlicher Vergleiche.

Rotunno macht die Opfer verantwortlich. Im Universum der Kläger seien Frauen nicht verantwortlich für die Partys, die sie besuchten, für die Männer, mit denen sie flirteten, für Einladungen in Hotelzimmer, für Jobs, die sie mit Hilfe bestimmter Männer zu ergattern versuchten. Jessica Mann habe genau gewusst, was sie von Weinstein wollte, nämlich Hilfe für einen Karrieresprung. „Ich weiß zu schätzen, was du alles für mich tust“, schrieb sie ihm im April 2013, einen Monat nach der mutmaßlichen Vergewaltigung. Die brasilianische Schauspielerin Talita Maia, einst ihre enge Freundin, schilderte als Zeugin, dass Mann eine anhaltende Beziehung zu Weinstein unterhielt und nie den Eindruck erweckte, als werde sie von ihm missbraucht. Sobald sie ihre Handynummer änderte, teilte sie ihm per Mail die neue Nummer mit, um sich „sicher zu fühlen“.

Jessica Mann hat dies nicht bestritten, aber von einer vielschichtigen Wahrheit gesprochen. „Ich weiß, es ist kompliziert. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass er mich vergewaltigt hat“, gab sie zu Protokoll. Im Laufe des Prozesses erklärte eine forensische Psychiaterin, dass es für Opfer von Sexualdelikten durchaus normal sei, den Kontakt zum Täter zu halten. So versuchten sie, die Kontrolle über das Verhältnis wiederzuerlangen. „Fakten sind Fakten“, sagte Gloria Allred, eine der Star-Anwältinnen der MeToo-Bewegung, am Ende des Verhandlungstages. „Und Fakt ist, er hat es getan.“