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DIW-Präsident Fratzscher über das Coronavirus
„Gefahr für Wachstum und Arbeitsplätze“

 China ist Deutschlands größter Handelspartner.
China ist Deutschlands größter Handelspartner. FOTO: dpa / Yu Fangping
Berlin . Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung warnt vor den ökonomischen Folgen des Coronavirus. Von Stefan Vetter

Das Coronavirus sorgt für Nervosität an den Märkten. Über die möglichen Auswirkungen für Deutschland sprach unsere Redaktion mit Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Herr Fratzscher, der Bund erwartet in diesem Jahr ein Wachstum von 1,1 Prozent und damit fast eine Verdoppelung gegenüber 2019. Kann das Virus diese Rechnung durchkreuzen?

FRATZSCHER Ja. Das Coronavirus ist durchaus eine Gefahr für Wachstum, Exporte und Arbeitsplätze in Deutschland. Wobei man allerdings sagen muss, dass die aktuelle Regierungsprognose mehr Schein als Sein ist. Die Verdoppelung resultiert in erster Linie daraus, dass wir 2020 drei Arbeitstage mehr haben. Das zeigt auch, wie fragil die wirtschaftliche Dynamik in Deutschland nach wie vor ist. Insofern kommt das Coronavirus auch wirtschaftlich zur Unzeit. 



Ist das gewissermaßen der Fluch der Globalisierung?

FRATZSCHER Wenn man so will, ja. Durch die Globalisierung verbreitet sich das Virus sehr schnell. Die Menschen reisen viel mehr als früher, die wirtschaftliche Abhängigkeit wächst. Gerade für Deutschland darf man aber auch die Vorteile der Globalisierung nicht unterschlagen. Durch unsere offene Volkswirtschaft profitieren wir sehr stark vom Wachstum anderer Länder, insbesondere Chinas. In guten wie in schlechten Zeiten ist man also eng beieinander.

Wie stark ist die deutsche Wirtschaft mit dem chinesischen Markt verbunden?

FRATZSCHER China ist der größte Handelspartner Deutschlands. Weil Menschen in China jetzt weniger konsumieren, bricht zwangsläufig die Nachfrage ein. Das trifft vor allem deutsche Automobilhersteller, die gut ein Drittel ihrer Profite in China machen. Umgekehrt beziehen viele deutsche Unternehmen Vorleistungen aus China. Also kann es auch bei uns zu Produktionsengpässen kommen. Das heißt, die globalen Wertschöpfungsketten werden unterbrochen. Es gibt aber noch einen dritten Punkt.

Und der wäre? 

FRATZSCHER Das ist die enorme Unsicherheit. Deshalb auch die sehr nervösen Reaktionen der Finanzmärkte. Und das ist natürlich auch Gift für die Wirtschaft. Ich rechne damit, dass China ein großes Investitionsprogramm auflegt, also die Ausgaben erhöht, um die Wirtschaft zu stützen. Damit ließe sich der Schaden allerdings nicht beheben, sondern nur begrenzen. 

Schon das Sars-Virus kurz nach der Jahrtausendwende hatte international für einen Abschwung gesorgt. Aber es ging auch rasch wieder aufwärts…

FRATZSCHER Richtig ist, dass China im ersten Quartal 2003 einen starken Einbruch seiner Wirtschaftsleistung verzeichnete. Minus zwei Prozent. Und bereits im folgenden Quartal wurde ein Prozent wieder aufgeholt. Das Sars-Virus kostete China also circa ein Prozent Wachstum.

Könnte sich dieses Szenario jetzt wiederholen?

FRATZSCHER Möglich ist das. Aber nur dann, wenn das Virus rasch eingedämmt werden kann. Zwischen der Ankündigung einer globalen Notlage durch die WHO und dem Höhepunkt der Ansteckungen lagen bei Sars nur etwa vier Wochen. Chinas Wirtschaft ist heute allerdings dreimal größer als vor 17 Jahren und damit für die Weltwirtschaft viel wichtiger als damals. Wenn das Wachstum in China um ein Prozent schrumpft, dann geht das Wachstum in der Euro-Zone um etwa 0,25 Prozent zurück. Auch darüber müssen wir uns im Klaren sein.

 Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)
Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) FOTO: DIW / dietlb.de