| 20:21 Uhr

Handelsstreit
„Dieser Handelskrieg könnte unser Wachstum zerstören“

Gustav Horn, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts IMK.
Gustav Horn, Chef des Wirtschaftsforschungsinstituts IMK. FOTO: Peter Himsel / HBS
Berlin. Der Leiter des gewerkschaftsnahen Wirtschaftsforschungsinstituts IMK sieht eine Lösung am ehesten in internationalen Verhandlungen. Von Stefan Vetter

Der Handelsstreit zwischen den USA und China wird auch in der deutschen Wirtschaft mit Sorge gesehen.Gustav Horn, Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), macht da keine Ausnahme, befürchtet aber (noch) keine dramatischen Folgen für die deutschen Unternehmen.

Herr Horn, ebenso wie andere Institute rechnet auch das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) für das laufende Jahr mit einem kräftigen Wirtschaftswachstum in Deutschland. Wird der global heraufziehende Handelskrieg von den Ökonomen schlicht ignoriert?

HORN Nein. Wir rechnen mit einem Wachstum von 2,4 in diesem und 2,2 Prozent im nächsten Jahr. Das sind zweifellos gute Zahlen. Und darin ist auch schon eingepreist, dass der von den USA angezettelte Handelskrieg kaum einen Effekt für das deutsche Wachstum haben wird.



Ihren Optimismus in allen Ehren. Aber Deutschland ist bekanntlich eine Exportnation. Wenn Peking und Washington sich mit Strafzöllen überziehen, dann ist das doch am Ende auch Gift für deutsche Unternehmen.

HORN Wirtschaftsforscher sind gehalten, eine Prognose abzugeben, die sie für die Wahrscheinlichste halten. Dass dieser Handelskrieg unser Wachstum sogar potenziell zerstören könnte, will ich gar nicht bestreiten. Nur, wir wissen noch gar nicht, welche Wirkungen dieser Handelskrieg entfaltet. Wir wissen nur, dass er begonnen hat – durch eine Spirale wechselseitiger Androhungen von Strafzöllen.

Die USA haben angedeutet, dass diese Drohung auch nur eine Verhandlungsstrategie gegenüber Peking sein könnte. Wie glaubhaft ist das?

HORN Da ist sicher etwas dran. Trump kann jedenfalls kein Interesse haben, den Welthandel zum Erliegen zu bringen. Denn es gibt auch in den USA zahlreiche exportorientierte Unternehmen, die dadurch massiven Schaden nehmen würden. Was Trump aber will, ist, bessere Deals herauszuschlagen, also die Handelsgewichte zugunsten der USA zu verschieben. Die angedrohten Strafzölle sind sein Druckmittel dafür.

Trump will vor allem das hohe Handelsbilanzdefizit der USA abbauen, das auch mit Deutschland besteht. Haben Sie dafür Verständnis?

HORN Dafür habe ich volles Verständnis. Denn Handelsbilanzdefizite sind genauso wie permanente Überschüsse eine ungute Entwicklung, die in eine Schuldenkrise münden kann. Oder, was im Falle der USA wahrscheinlicher ist, in heftige Turbulenzen beim Dollar-Wechselkurs.

Mit welcher Konsequenz?

HORN Am Ende würden dadurch auch unsere eigenen Exporte schwer belastet. Insofern muss Deutschland ebenfalls daran interessiert sein, seine Handelsbilanz in Ordnung zu bringen. Nicht, indem wir weniger exportieren, sondern, indem wir mehr importieren, also mit einer höheren Binnennachfrage reagieren. Und was die USA angeht, so wäre zum Beispiel ein schwächerer Dollar deutlich effektiver für den Abbau ihres Handelsdefizits als Strafzölle.

China setzt auf eine aggressive Handelspolitik, indem es zum Beispiel ausländische Firmen zu Joint-Ventures zwingt und Technologieklau betreibt. Sollten die USA und die EU nicht besser an einem Strang ziehen?

HORN China ist kein Unschuldslamm. Das stimmt. Ein Zusammenschluss Europa-USA wäre da sicher strategisch wichtig. Nur droht Trump eben auch der EU mit Strafzöllen. Insofern hat sich das erledigt.

Hat die Welthandelsorganisation WTO eigentlich noch eine Zukunft, wenn Trump nur noch auf bilaterale Deals setzt?

HORN Gerade jetzt müsste man sich auf multilateraler Ebene zusammensetzen, um faire Bedingungen aushandeln. Genau dafür ist die Welthandelsorganisation WTO auch da. Trumps Kurs bedeutet in letzter Konsequenz ein Ende der WTO. Und darunter würde zweifellos nicht zuletzt Deutschland leiden.

Das Gespräch führte
Stefan Vetter