| 20:19 Uhr

„Amadeus“ in der Alten Feuerwache
Die spritzige Vernichtung Mozarts

 Salieri (Bernd Geiling) versteht sich aufs Ränkespiel.
Salieri (Bernd Geiling) versteht sich aufs Ränkespiel. FOTO: Martin Kaufhold/Saarländisches Staatstheater / Martin Kaufhold
Saarbrücken. Von Kerstin Krämer

Wie ein erschlaffter Papst hockt der greise Antonio Salieri im Rollstuhl. Er verspürt das Bedürfnis, vor seinem letzten Publikum die Beichte abzulegen, und gesteht Unerhörtes: den Mord an Wolfgang Amadeus Mozart! Zirkelschluss: Knapp drei Stunden später erteilt er dem Volk, das ihm applaudiert hat, die Absolution für dessen Mittelmäßigkeit – und damit gewissermaßen auch sich selbst. Dazwischen liegt eine Rückblende, in der Salieri die Ereignisse vor 34 Jahren aus seiner wahrnehmungsverzerrten Erinnerung schildert, und man begreift, warum er neidzerfressen einen Vernichtungsfeldzug gegen das Wunderkind Mozart startete: Musikalisch kam er gegen dessen Genie nicht an; um der Nachwelt überhaupt in Erinnerung zu bleiben und im gleichen Atemzug genannt zu werden, musste er als sein Mörder in die Geschichte eingehen. Womit Salieri sich zugleich an Gott rächte, von dem er sich geprellt fühlte. Welch ein Stoff!

Ob Salieri seinen Widersacher tatsächlich getötet oder „nur“ mit Ränke vergiftet hat, ist nebensächlich. Wesentlich ist die Schmach, die Mozart dem sechs Jahre Älteren unbewusst zufügte. Und aus der ein in seiner Zwiespältigkeit monströser, weil von Bewunderung getränkter Hass erwuchs, den Mozart in seiner Naivität jedoch nicht realisierte und ihm daher hilflos ausgeliefert war. So behauptet es jedenfalls Peter Shaffers Theaterstück „Amadeus“, das die Konkurrenz der beiden Komponisten zur spannenden existenziellen Fehde aufbauscht. Mit der Verfilmung landete Milos Forman 1984 einen Kino-Erfolg; am Freitag feierte das Schauspiel mit Musik nun im Saarländischen Staatstheater Premiere: ein Volltreffer, bei dem es die Zuschauer vor Begeisterung von den Sitzen riss. Regisseur Michael Schachermaier inszeniert die Geschichte von Mozarts Vernichtung als Komödie von boulevardesker Spritzigkeit, die allerdings auch dem Tragischen Raum lässt, ohne es zu denunzieren. Gezielt setzt er intime, eindringliche Szenen gegen Burleskes; die Pause markiert eine deutliche Zäsur: Der Ton kippt nach Moll, als der Tod Mozarts, der dank Salieris Intrigen am Wiener Hof keinen Boden unter die Füße kriegt, näher rückt. Er stirbt einsam und krank, arm und elend – das gerät durchaus ergreifend.

Schachermaier platziert das Geschehen auf einer Drehbühne (Kulissen: Karl Fehringer, Judith Leikauf), die sowohl den filigranen Spieluhr-Charakter von Mozarts Musik verdeutlicht wie den Schwindel, der Salieri (Bernd Geiling) angesichts dessen Talents erfasst. Kahle Gerüst-Bauten markieren Aufstiegswillen und zeugen zugleich von der verknöcherten Starre am Hofe Josephs II (Gregor Trakis gibt ihn als weichen, überforderten Kaiser). Sie kollidieren mit einer im Pappmaché-Stuck geradezu libidinös schwellenden Lust, mit der Mozart (Raimund Widra) den Hof aufmischt. Denn was ist das für ein Genie: Ein obszön daher plappernder, albern kichernder Kindmann, der mit unanständig graziösem Tänzeln ungeniert von einem Fettnäpfchen ins nächste hüpft und hemmungslos seine animalischen Triebe auslebt. Auch seine Strubbelfrisur und seine legere, vergleichsweise schlichte Kleidung sind ein Affront gegenüber dem opulenten und zugleich nach Mottenkugeln riechenden, welken, überschminkten und auftoupierten Shabby Shic der Rokoko-Etikette (Kostüme: Alexander Djurkov Hotter), mit der sich die Hofschranzen maskieren – Silvio Kretschmer, Ali Berber und Michael Wischniowski brillieren zugleich als „Venticelli“, Salieris Handlanger und Gerüchtestreuer.



Und dennoch düpiert dieses infantile „Geschöpf“ den ehrgeizigen Hofkompositeur Salieri auf allen Ebenen: als Musiker, als Sprachtalent, als Mann. Widra spielt das mit solcher Leichtigkeit, dass man Salieris angeekelte Faszination und Verzweiflung bestens nachvollziehen kann, die Geiling wiederum in allen Facetten intensiv durchlebt. Doch was wäre ein solches Stück ohne Live-Musik? Als organisches Kammertrio interpretieren Rick-Henry Ginkel (Flügel, Celesta), Lorenz Blaumer (Geige, Elektronik) und Jasmin Hubert (Cello) mozärtliche Themen in einer Bearbeitung von Thomas Leboeg und Jan Dvořák. Und Sopranistin Lisa Bebelaar, ebenfalls von der Hochschule für Musik Saar, koloriert als Salieris Meisterschülerin Katharina Cavalieri eine blitzsaubere Königin der Nacht. Bravo!