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Insel-Urlaub im Winter
Wenn es Nacht wird auf Borkum

 Ab Oktober leeren sich die Strandkörbe an Borkums Küsten. Im Winter finden Besucher auf der Insel Ruhe und können sie ungestört über kilometerlange Strände und das 120 Kilometer umfassende Wanderwegenetz zu Fuß erkunden.
Ab Oktober leeren sich die Strandkörbe an Borkums Küsten. Im Winter finden Besucher auf der Insel Ruhe und können sie ungestört über kilometerlange Strände und das 120 Kilometer umfassende Wanderwegenetz zu Fuß erkunden. FOTO: Nordseeheilbad Borkum GmbH
Borkum. Die westlichste deutsche Insel ist für Touristen, die die Ruhe suchen, auch in der kalten Jahreszeit eine Reise wert. Von Andreas Heimann

Kurz nach Sonnenaufgang sind über der Promenade von Borkum schon einige Möwen zu sehen – und vor allem zu hören. Die Lampen längs der Flaniermeile leuchten noch in mattem Gelb. Rund um den Musikpavillon und vor der Wandelhalle ist anders als tagsüber kaum jemand unterwegs.

Am Spülsaum, da wo die Wellen glucksend auf Land treffen, sind schon einige Spaziergänger unterwegs, die für den besonderen Moment des ersten Lichts an Borkums Strand früh aufgestanden sind. Mit Mütze, Schal und Winterjacke, die Hände in den Taschen vergraben, schlendern sie durch den Morgen am Meer.

Oben in den Hotels in der ersten Reihe sitzen die meisten Gäste noch beim Ostfriesentee am Frühstückstisch. Im Idealfall können sie durchs Fenster auf die Nordsee schauen. Etliche der Häuser mit neoklassizistischer Fassade entlang der Promenade stammen aus Borkums touristischer Boomphase – im Deutschen Kaiserreich. Damals kamen die gut betuchten Gäste allerdings ausschließlich im Sommer.



In der Zeit der Walfänger im 18. Jahrhundert war es auf Borkum im Frühjahr und Sommer dagegen eher ruhig. „Die Bevölkerung wuchs im Winter erheblich an“, sagt Gregor Ulsamer. Denn ein großer Teil der Männer ging im April an Bord eines Hamburger oder Amsterdamer Walfangschiffes, war dann monatelang im Nordpolarmeer unterwegs und im Herbst wieder zu Hause. Wenn alles gut ging.

Ulsamer ist Borkumer und Experte für die Inselgeschichte, die im Dykhus (Deichhaus) präsentiert wird, das einst einem Walfänger gehörte. Im Erdgeschoss des Inselmuseums, das auch im Winter geöffnet hat, ist das Skelett eines Pottwals ausgestellt. Borkum war die einzige ostfriesische Insel mit Walfangtradition. Ihr widmet sich auch der Borkumer Walpfad. Er führt unter anderem zum Haus von Roelof Gerrits Meyer, der als erfolgreichster Kommandeur im Dienste Hollands fast 300 Grönlandwale gefangen hat. Kapitäne wie er brachten sich oft Walknochen mit nach Hause, um daraus Zäune zu bauen. Vor seinem Haus sind sie noch zu sehen.

Am Walpfad liegt auch der gut 40 Meter hohe Alte Leuchtturm aus dem 16. Jahrhundert. Und direkt daneben der alte Inselfriedhof.

Mit Landwirtschaft hatten die Borkumer nie viel am Hut, mit Seefahrt umso mehr – auch lange nach der Zeit der Walfänger, die um 1800 zu Ende ging. In den Dünen stehen noch heute Seezeichen wie das Große Kaap, das Schiffen das Navigieren erleichtern sollte.

Zur neueren Seefahrtsgeschichte gehört das Feuerschiff „Borkumriff“. Bis 1988 lag es 30 Kilometer nordwestlich in der Nordsee vor Anker. „Es war ein schwimmender Leuchtturm“, sagt Klaas Weber, Mitbegründer und ehemaliger Vorsitzender des Fördervereins, der sich für das Feuerschiff engagiert. „Heute ist es ein Kulturdenkmal, weitgehend im Originalzustand.“ Ursprünglich sollte es verschrottet werden. Weber und seine Mitstreiter halfen, das zu verhindern.

Inzwischen ist die „Borkumriff“ eine Touristenattraktion – auch im Winter. Besucher bekommen zumindest einen Eindruck, wie die Besatzung, die jeweils 14 Tage im Einsatz war, auf dem Feuerschiff gelebt hat. Die Schlafkammern mit Doppelstockbetten waren eher bescheiden. „Am meisten los war in der Mannschaftsmesse“, sagt Weber. „In der Offiziersmesse ist heute ein Trauzimmer.“

An Bord gibt es außerdem eine kleine Ausstellung der Nationalparkverwaltung zu sehen, etwa zu den Seevögeln der Insel oder zur Entstehung von Dünen und Salzwiesen. Regelmäßig sticht das Feuerschiff noch in See und fährt etwa zum Hafengeburtstag nach Hamburg. Dann steht Klaas Weber am Steuerrad.

Zu finden ist die „Borkumriff“ nicht weit von dem Anleger, an dem die Fähren aus Emden ankommen. Borkum ist zwar anders als andere ostfriesische Inseln nicht autofrei, aber gut zu Fuß zu erkunden. Das Wanderwegenetz umfasst mehr als 120 Kilometer.

Viele Inselbesucher zieht es immer wieder an den Strand. Borkum liegt weiter draußen als seine Inselnachbarn. Die Luft gilt hier als besonders salz- und jodhaltig. Loslaufen und tief durchatmen statt abwarten und Tee trinken ist deshalb das Motto. Auf der Promenade geht das in beide Richtungen kilometerweit. Am Strand sind Herz-, Mies- und Schwertmuscheln, Austernschalen, Seetang und Wellhornschnecken zu finden.

Am späten Nachmittag wird es im Winter allerdings schnell stockdunkel. Die Strandsegler sind verschwunden, der Spielplatz an der Promenade verwaist. Das Lichtsignal des 60 Meter hohen Neuen Leuchtturms, das bis zu 45 Kilometer weit reicht, ist ebenfalls gut zu erkennen. Er steht seit 1879 auf einer Düne mitten im Ort und erleichtert die Orientierung. Und noch besser: Borkum kennt keine Lichtverschmutzung. Bei klarem Himmel sind bald auch die Sterne über der Insel zu sehen.

  Im Museum „Dykhaus“ auf Borkum ist ein Pottwahl-Skelett ausgestellt. Der Walfang hat die Geschichte der Insel geprägt.
Im Museum „Dykhaus“ auf Borkum ist ein Pottwahl-Skelett ausgestellt. Der Walfang hat die Geschichte der Insel geprägt. FOTO: dpa-tmn / Nordseeheilbad Borkum GmbH