| 21:17 Uhr

Leichtathletik-EM in Berlin
Die Bühne für das Sommerfest ist bereitet

Helfer stellen im Berliner Olympiastadion schon mal testweise die Hürden auf.
Helfer stellen im Berliner Olympiastadion schon mal testweise die Hürden auf. FOTO: dpa / Michael Kappeler
Berlin. Der Deutsche Leichtathletik-Verband glaubt an eine rauschende Party bei der Heim-EM in Berlin. Medaillenkandidaten gibt es einige. sid

Emotionaler Abschied von Robert Harting, Gold-Chancen für Kugelstoßerin Christina Schwanitz sowie die starken Speerwerfer – und mehr als ein Dutzend weiterer Medaillenkandidaten: Die deutschen Leichtathleten hoffen bei der heute startenden Europameisterschaft in Berlin auf einen erfolgreichen Saisonhöhepunkt und wollen mit dem Heimvorteil des Olympiastadions im Rücken ein spektakuläres Sommerfest feiern.

„Ich habe scherzhaft mit ernst gemeintem Hintergrund gesagt: Nachdem unsere Fußball-Nationalelf in Russland sang- und klanglos ausgeschieden ist, muss derjenige, der erfolgreiche Sportler sehen will, nach Berlin kommen“, sagt Jürgen Kessing, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). „Wir müssen bei unserer EM die Chance nutzen, unsere Sportart zu präsentieren“, meint Idriss Gonschinska, Leitender Direktor Sport.

Die Chancen dafür stehen gut: Der DLV geht mit einem Rekord-Aufgebot in die Titelkämpfe, hat dabei aber nicht nur Quantität, sondern auch viel Qualität mit insgesamt fünf Titelverteidigern im Team. Vor zwei Jahren in Amsterdam gab es 16 Medaillen (5 Gold, 4 Silber, 7 Bronze), allerdings waren kurz vor den Olympischen Spielen nicht alle internationalen Stars am Start.



Im Mittelpunkt der Wettbewerbe steht ausgerechnet ein Sportler, der gar nicht unbedingt als Podestkandidat gehandelt wird: Diskus-Ass Robert Harting. Neun Jahre nach seinem legendären ersten WM-Sieg in Berlin tritt der Lokalmatador in seinem „Wohnzimmer“ zum letzten Mal bei einer Meisterschaft an.

„Da es das Finale ist, wird mich die Emotionalität im Stadion eher pushen als drücken“, sagt Harting, der seinen letzten Wettbewerb am 2. September beim Istaf absolvieren wird. Angepeilt hat der London-Olympiasieger und dreimalige Weltmeister 66,50 Meter – ob das für eine Medaille reicht, entscheiden dann andere. Unter anderem Bruder und Rio-Olympiasieger Christoph Harting, der in dieser Saison konstant weit wirft. Er liegt derzeit auf Platz vier in Europa.

Die größten Medaillenchancen haben die deutschen Speerwerfer mit Olympiasieger Thomas Röhler, Weltmeister Johannes Vetter und dem deutschen Meister Andreas Hofmann sowie Titelverteidigerin Christina Schwanitz im Kugelstoßen. Das Speer-Trio liegt auf den Plätzen Nummer eins bis drei der Welt – eine Medaillengarantie ist das aber noch lange nicht. Zuletzt machte sich vor allem der Este Magnus Kirt daran, die deutsche Dominanz zu brechen. Ein rein deutsches Podium gab es bei Olympischen Spielen, Weltmeisterschaften oder einer EM im Speerwerfen noch nie.

An EM-Gold gewöhnt hat sich Schwanitz noch nicht – obwohl sie in Berlin ihren Titel-Hattrick perfekt machen könnte. Dabei erlebte die 32-Jährige zuletzt emotionale Tage. Zunächst schaffte sie nach ihrer Babypause bei den deutschen Meisterschaften ihren ersten 20-Meter-Stoß seit ihrem EM-Gold 2016. Einen Tag später war sie dann in einen Autounfall verwickelt, als sie unterwegs ins ZDF-Sportstudio war.

In Normalform ist die ehemalige Weltmeisterin derzeit von ihren europäischen Konkurrentinnen nicht zu schlagen. Ihr Disziplin-Kollege David Storl, ebenfalls Titelverteidiger, will seine aufsteigende Form weiter untermauern. Nach Silber bei der Hallen-WM in diesem Jahr soll es erneut auf das Podest gehen.

Titelverteidigerin Cindy Roleder und die WM-Dritte Pamela Dutkie­wicz kämpfen über die 100 Meter Hürden um Edelmetall. Doch ein rein deutsches Duell wird es nicht werden, zu stark ist inzwischen die europäische Konkurrenz. Und doch: Beide haben bewiesen, dass sie nicht nur schnell, sondern auch dem Druck bei Meisterschaften gewachsen sind.

Das Rampenlicht genießt auch Gina Lückenkemper. Das „Gesicht“ des deutschen Sprints peilt selbstbewusst zwei Medaillen an, über 100 Meter und in der 4x100-Meter-Staffel. „Das Kribbeln ist groß, die Vorfreude auf die EM ist gigantisch. Ich glaube, da kann ich für alle Athleten sprechen“, sagt die 21-Jährige, die vor zwei Jahren Bronze über die 200 Meter gewann. Über diese Strecke geht die Saarländerin Laura Müller (LC Rehlingen) an den Start, dazu noch in der 4x400-Meter-Staffel. Mehrere Starts hat per se auch Siebenkämpferin Louisa Grauvogel (LG Saar 70), die erstmals bei einer großen Meisterschaft dabei ist. Beide trainieren in Saarbrücken bei Disziplin-Bundestrainer Ulrich Knapp, ebenso die für die EM qualifizierten Weitspringerinnen Alexandra Wester (ASV Köln) und Sosthene Moguenara (TV Wattenscheid).

Fragezeichen stehen vor dem EM-Auftakt hinter den Europameistern Gesa Felicitas Krause (3000 Meter Hindernis) und Max Heß (Dreisprung). Beide zeigten sich zuletzt noch nicht in der Form von 2016. Aber vielleicht lassen sie sich ja von der Begeisterung anstecken.