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Tour de France
Der Wasserträger wird zum Boss

Paris. Britischer Radprofi Geraint Thomas gewinnt die 105. Auflage der Tour de France, sein Teamkollege Christopher Froome wird Dritter.

Auch nach elf Tagen in Gelb und einer gewissen Routine konnte Geraint Thomas nicht ganz aus seiner Haut. Ein wenig schüchtern lugte er unter dem Schirm seiner Kappe hervor, lächelte verlegen, winkte brav mit Blumenstrauß. Immer noch wirkte es so, als würde er, der Sieger der 105. Tour de France, das Maillot jaune nur für seinen Chef Chris Froome aufbewahren.

Der treue Thomas, die walisische Bescheidenheit in Radlerhosen, ist nun der Boss und in der Nachfolge seines mächtigen Teamkapitäns ein in jeder Hinsicht hochverdienter Champion. „Ich kann es nicht fassen, dass ich jetzt hier in Gelb sitze. In meiner Karriere hatte ich eine Menge Pech. Umso schöner ist es, dass sich alles ausgezahlt hat“, sagte Thomas, nachdem er am Samstag nur 14 Sekunden im Einzelzeitfahren auf den Niederländer Tom Dumoulin eingebüßt hatte und damit den Toursieg perfekt gemacht hatte.

Der 32-Jährige beeilte sich gleich, all jenen zu danken, deren Rolle er selbst in so vielen Rennen als üppig bezahlter Wasserträger in seinem Sky-Team gespielt hatte. „Dieses Team ist superstark“, sagte Thomas und ergänzte mit Blick auf den Druck, der angesichts der Asthmamittel-Affäre um Froome auf der Mannschaft lastete: „Es geht nicht nur um gute Beine, sondern auch um gute Köpfe.“ Seinem Kapitän Froome, für Thomas „der vielleicht Beste aller Zeiten“, hatte er bis zuletzt seine Loyalität versichert, seine Helferdienste zugesagt. Nachdem der viermalige Tour-Champion letztlich dann doch nie eine Chance gegen die etatmäßige Nummer zwei gehabt hatte, fand Thomas mit feuchten Augen warme Dankesworte. „Froomey hat sich am Ende meinem Sieg verschrieben. Wir sind dicke Freunde“, sagte Thomas.



Als einziger Klassementfahrer leistete sich Thomas keinen Fehler und auch keine physische Schwächephase. Der Waliser ist privat ein bodenständiger Rugby-Fan mit einer Schwäche für ein, zwei oder mehr gute Pints heimischen Bieres und bisweilen legendäre Party-Abende. „Er liebt es, einen Drink zu nehmen, wenn es Zeit dafür ist, einen zu nehmen“, sagt sein langjähriger Trainer Rod Ellingworth, heute in Skys sportlicher Leitung.

Was Thomas nun mit der weiteren Karriere anstellt, wird spannend, schließlich läuft sein Sky-Vertrag zum Saisonende aus. Soll er nun, wohlwissend, dass es als bald Mittdreißiger sein letzter großer Kontrakt sein könnte, bleiben, um vielleicht im kommenden Jahr - noch höher bezahlt - doch wieder für Froome oder für das aufstrebende Supertalent Egan Bernal schuften zu müssen? Oder übernimmt er andernorts eine üppig honorierte Kapitänsrolle? Dazu wollte er sich erstmal nicht äußern. Zunächst wollte Thomas schlicht das Hochgefühl als Tour-Sieger auskosten, „mit ein paar Bier und ein paar Burgern“.

Der enttrohnte Froome verließ Paris doch noch auf dem Treppchen, weil er ein herausragendes Einzelzeitfahren hinlegte und nur eine Sekunde langsamer als Dumoulin war. „Ich habe alles gegeben, was ich hatte. Geraint war brillant. Und es ist ein Traum, mit ihm gemeinsam auf dem Podium zu stehen“, sagte der 33-Jährige. Der Boss a.D. klagte nicht, lamentierte nicht, haderte nicht. Dabei hätte er allen Grund dazu gehabt. Die Tour 2018 war das schwierigste Rennen seines Lebens. Und Froome akzeptierte seine Rolle zwischen Rampenlicht und Zwielicht. Die Absolution in der Asthmamittel-Affäre, die ihm kurz vor der Tour noch eilig erteilt worden war, hatte den ohnehin in Frankreich bestenfalls respektierten Froome nicht gerade zum Fan-Favoriten werden lassen.

Die Rundfahrt war ein Spießrutenlauf. Froome ertrug stoisch die Pfiffe und Buhrufe, hakte den Sturz auf der ersten Etappe, der ihn rund eine Minute Zeit kostete, achselzuckend ab. Er wurde beschimpft, bespuckt, von einem verwirrten Zuschauer fast vom Rad gerempelt, von einem Polizisten zu Fall gebracht. Alles egal – mit Stil hatte der Brite die Tour viermal gewonnen, mit Stil verlor er sie nun.

Die letzte Etappe gewann der Norweger Alexander Kristoff nach 116 Kilometern in Paris vor John Degenkolb. Dem Geraer gelang auf der neunten Etappe der einzige deutsche Tagessieg dieser Tour-Ausgabe.