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Leitartikel
Der Terror lebt weiter – auch ohne Mossul

FOTO: Robby Lorenz / SZ
Es sind gute Nachrichten, die derzeit aus dem Bürgerkriegsgebiet in Syrien und im Irak nach Deutschland kommen. Die Terrormiliz Islamischer Staat hat offenbar Mossul verloren. Ausgerechnet die Stadt, in der der womöglich vor wenigen Tagen getötete IS-Führer, Abu Bakr al-Bagdadi, 2014 den Aufstieg des brutalen Kalifats ausgerufen hatte. Auch dass Rakka fällt, scheint nur noch eine Frage der Zeit. Das wäre ein weiterer Sensationssieg im Kampf gegen die radikalen Sunniten. Denn beide Städte bilden die Achse eines Herrschaftsgebietes, von der aus der IS so viel Trauer und Schmerz in die Welt gebracht hat. Von: Pascal Becher

Es sind gute Nachrichten, die derzeit aus dem Bürgerkriegsgebiet in Syrien und im Irak nach Deutschland kommen. Die Terrormiliz Islamischer Staat hat offenbar Mossul verloren. Ausgerechnet die Stadt, in der der womöglich vor wenigen Tagen getötete IS-Führer, Abu Bakr al-Bagdadi, 2014 den Aufstieg des brutalen Kalifats ausgerufen hatte. Auch dass Rakka fällt, scheint nur noch eine Frage der Zeit. Das wäre ein weiterer Sensationssieg im Kampf gegen die radikalen Sunniten. Denn beide Städte bilden die Achse eines Herrschaftsgebietes, von der aus der IS so viel Trauer und Schmerz in die Welt gebracht hat.

Aber Achtung: Jetzt schon vom Niedergang des islamistischen Terrors zu träumen, wäre naiv – und gefährlich. Der islamistische Terror ist wie eine Hydra. Genau wie bei dem mythologischen Monster kann man ihm zwar einen Kopf abschlagen, doch es wächst immer wieder einer nach. Und dieser Kopf scheint stärker zu sein als der vorherige. Das sollte eine der zentralen Lehren aus dem Niedergang der Al-Qaida sein, dem der Aufstieg des IS folgte. Voreilig feierten wir 2011 die Ermordung Osama bin Ladens als Sieg über den muslimischen Radikalismus. Dann erhob Bagdadi in Mossul seinen Kopf, und der Iraker übertraf selbst den grausamen Saudi an Brutalität und Menschenverachtung. Und hatte Al-Qaida weitgehend einen Feind, die USA, zielte der IS mit seinem Hass bereits auf alle Andersgläubigen, samt Schiiten. Was würde erst aus dem IS erwachsen?

Diese Horrorfantasie kommt jetzt noch zu früh. Denn der IS ist – trotz aller Jubel-Meldungen – noch lange nicht geschlagen. Nicht nur, weil die Organisation erfolgreiche Ableger in Afrika und Asien betreibt. Auch im Irak und Syrien wird die Miliz den Menschen weiter Leid bringen. Zudem besteht dort sein ideologischer Ursprung weiter. Dafür sorgen die Herrschaftshäuser in Saudi-Arabien und Iran. Sie nutzen diesen Krieg, wie viele zuvor, als Spielfeld für ihre uralte Fehde. Die Sunniten (Saudi-Arabien) kämpfen mit den Schiiten (Iran) um die Vorherrschaft im Islam. Mit allen Mitteln.

Auch Europa bleibt im Visier der „Märtyrer“, die losgelöst von der IS-Miliz agieren. Um sich in Deutschland, Frankreich oder Belgien zu radikalisieren und Anschläge zu verüben, braucht es keine Impulse mehr aus der Terrorzentrale. Die radikalen Sunniten haben ihr Nervengift längst ins Internet gekippt. Dort konsumieren es täglich meist junge Muslime – die sich im Stich gelassen fühlen von einer sich zunehmend abgrenzenden und damit die eigenen Werte der Offenheit veräußernden Kultur Europas.

Auch hier zeigt sich: Terrorismus ist ein weltweites Problem. Er rekrutiert sein Personal überall. Aber es gibt eine gute Nachricht: Wir sind ihm nicht chancenlos ausgeliefert. Wir müssen unsere Menschenrechte und Freiheiten verteidigen – auch gegen Politiker im Inland, die sie schnell für ein trügerisches Stück Sicherheit vor Terror opfern. Schaffen wir das, bewahren wir unsere Gesellschaft vor dem Werteverfall, dann kappen wir eine Nachschublinie der Radikalen.