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Jetzt im Kino
Der lässige Rentner des Horrors

John Carpenter am vergangenen Sonntag in Manchester. 2015 erschien sein erstes Album mit Nicht-Filmmusik („Lost Themes“), seitdem ist er mit seinem Sohn und seinem Patensohn immer wieder auf Konzertreise.
John Carpenter am vergangenen Sonntag in Manchester. 2015 erschien sein erstes Album mit Nicht-Filmmusik („Lost Themes“), seitdem ist er mit seinem Sohn und seinem Patensohn immer wieder auf Konzertreise. FOTO: picture alliance / Photoshot / dpa Picture-Alliance / Photoshot
Saarbrücken. Ein neuer „Halloween“-Horrorfilm kommt in unsere Kinos. Grund genug, an den Ur-Schöpfer der Reihe zu erinnern: John Carpenter, trotz mancher Qualitätsschwankungen ein wichtiger und immer origineller Filmemacher des amerikanischen Kinos. Von Tobias Kessler

Diesmal hat er mehr getan, als die Hand aufzuhalten, auf die dann ein Scheck darniederschwebt. Für „Halloween“, die jüngste von (allzu) vielen Fortführungen seines gleichnamigen Films von 1978, hat John Carpenter die Musik geschrieben, dazu als „executive producer“ und „creative consultant“ fungiert – was immer das genau bedeutet. Dass der Horrorfilm nun in den USA am Wochenende fast 80 Millionen Dollar eingespielt hat (bei einem Budget von zehn Millionen) und sogar bei der Kritik Anklang findet, wird Carpenter wohl freuen – aber eine große Sache macht er nicht draus. Wohl weniger, weil er weiß, dass seine eigenen letzten Arbeiten als Regisseur kommerziell weit weniger erfolgreich waren; sondern eher, weil er ein großer Stoiker und Schulterzucker ist, wenn es um die Irrungen, Wirrungen und Mechanismen des Filmgeschäfts geht.

Vor Jahren wandelte er für ein TV-Portrait über einen Friedhof und bemerkte, gar nicht mal allzu bitter: „Hier muss auch irgendwo meine Karriere liegen.“ Die vergangenen Jahre verbrachte Carpenter in der absurden Situation, dass er eigene Produktionen nicht mehr auf den Weg bringen konnte – der Gruselfilm „The Ward“, sein jüngster Kinofilm, ist acht Jahre alt und weitgehend vergessen (wohl auch von Carpenter); gleichzeitig wurde er regelmäßig von Studios gut bezahlt, damit die seine älteren Film wie „The Fog“ und „Assault“ neu (und durchweg schlecht) neu verfilmen durften. Carpenter nahm es gelassen hin (und das Geld sehr gerne): „Ich bin eben ein fröhlicher Kapitalist.“

Dass seine jüngsten und wohl letzten Kinofilme etwas müde wirkten im Vergleich zum aufregenden Frühwerk, mag dazu beigetragen haben, dass Carpenter bei vielen (Fans wie Kritikern) als letztlich Abgetakelter gilt. Ungerecht und schade, weil das den Blick auf einen Regisseur/Autor verstellt, der auch in seinen schwächeren Filmen immer eine ganz eigene Stimme, eine eigene Sicht und Haltung hatte – vor allem Skepsis und Angst gegenüber der Welt und dem Menschen an sich. Sein früher Thriller „Assault“ (1974) erzählte schnörkellos von urbaner Gewalt, bei der die Staatsmacht auch keine vertrauenswürdige Figur macht. Im Actionfilm „Die Klapperschlange“ hat die US-Regierung keine andere Idee, als die Insel Manhattan abzuschotten, Kriminelle dorthin zu deportieren und sie sich selbst zu überlassen – bewacht von einem gesichtslosen Polizeiapparat in nachtschwarzen Uniformen. Carpenter misstraut den Autoritäten: In seiner grellen Satire „Sie leben!“ geht er sogar so weit, dass die Welt längst von Außerirdischen unterwandert ist, die uns seit Jahren hypnotisiert mit Botschaften wie „Konsumiert!“, „Gehorcht!“, „Schlaft!“ und „Schaut Fernsehen!“. Den Film schrieb und drehte Carpenter unter dem Eindruck der Präsidentschaft Ronald Reagans. In seiner von der Kritik komplett verrissenen „Klapperschlange“-Fortsetzung „Flucht aus L.A.“ dreht er die Prämisse des Vorgängerfilms noch weiter: Der strammrechte und offenbar geistig nicht ganz stabile amerikanische Präsident deportiert nun nicht mehr nur Kriminelle in einer gigantische Lager-Welt, sondern einfach alle, deren Denken und politische Einstellung nicht in das Bild eines neuen Amerikas passt.



Die Welt ist also schlecht bei Carpenter. Doch können das seine lakonischen Anti-Helden mit schönen Namen wie Napoleon Wilson, Desolation Williams oder Snake Plissken richten? Nein; letzterer zumindest, aus „Klapperschlange“ und „Flucht aus L.A.“, versucht jeweils am Ende, die Welt untergehen zu lassen – in einer Geste des kernigen Macho-Nihilismus. Und die Religion? Die bietet auch keinen Trost, denn in der Kirche tummeln sich schwarze Schafe: Im westernartigen Horrorfilm „Vampire“ paktiert ein Kardinal (gespielt von Maximilian Schell) mit untoten Blutsaugern, um das ewige Leben zu erlangen – an den üblichen christlichen Weg dahin (Tod plus Auferstehung) glaubt er selbst nicht mehr.

Hoffnungsschimmer sind selten bei Carpenter. Am ehesten findet man sie in seinem sanftesten Film „Starman“ über einen Außerdirdischen (Jeff Bridges) auf der Reise quer durch die USA – nebenbei ein schönes Roadmovie mit einer kitschfreien Liebesgeschichte, überhaupt eine der seltenen Romanzen bei Carpenter. So grimmig seine Filme thematisch auch sein mögen – die mal elegante, mal drastische Inszenierung, verbunden mit sarkastischem Humor, machen sie bis heute packend. Bezeichnend, dass viele seiner Filme enorm gut altern und manchmal Jahre später ihr Publikum finden. Allen voran „Das Ding aus einer anderen Welt“ von 1982, äußerlich ein Horrorfilm im ewigen Eis mit Effekten, die heute noch auf den Magen schlagen – vor allem aber ein Film über Vertrauensverlust, Einsamkeit und die Unausweichlichkeit des Todes (also fast wie ein Ingmar-Bergman-Film mit Monster). Damals wollte das fast niemand sehen, heute gilt der kühl konsequente Film als Meisterstück und erscheint in immer neuen Heimkino-Editionen. Vielleicht eine späte Genugtuung für den damals tief gekränkten Carpenter. Aber auch da macht er keine große Sache draus. Zeit dafür hätte er sowieso nicht: Er ist gerade mit Sohn und Patensohn auf Weltournee, mit seiner elektronichen Minimal-Filmmusik und neuen Kompositionen. Keine üble Rente.

„Halloween“ startet morgen in vielen Kinos der Region – Kritik morgen in unserer Beilage treff.region.
Die Carpenter-Filme „Sie leben!“, „The Fog“ und „Fürsten der Dunkelheit“ erscheinen am 8. November frisch restauriert auf DVD und Bluray bei Studiocanal.

Michael Myers, das absolut Böse im neuen „Halloween“-Film.
Michael Myers, das absolut Böse im neuen „Halloween“-Film. FOTO: Ryan Green
Nihilist mit Augenklappe: Carpenters großer Anti-Held Snake Plissken (Kurt Russell).
Nihilist mit Augenklappe: Carpenters großer Anti-Held Snake Plissken (Kurt Russell). FOTO: vox