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Dortmund
Der ewige Bundestrainer

Bundestrainer Joachim Löw musste gestern bei der Bekanntgabe seines vorläufigen WM-Aufgebots für Russland „Träume platzen lassen“.
Bundestrainer Joachim Löw musste gestern bei der Bekanntgabe seines vorläufigen WM-Aufgebots für Russland „Träume platzen lassen“. FOTO: dpa / Ina Fassbender
Dortmund. Joachim Löw verlängert vorzeitig bis zur WM 2022 und nimmt WM-Held Mario Götze nicht mit nach Russland.

Joachim Löw verschwand nach 90 bemerkenswerten Minuten im Blitzlichtgewitter der Fotografen hinter einem schwarzen Vorhang. Der Bundestrainer wirkte nach der Verkündung seiner Entscheidungen für die historische Mission Titelverteidigung erleichtert. Den formschwachen WM-Helden Mario Götze hatte er knallhart aussortiert, dafür Überraschungsmann Nils Petersen aus dem Hut gezaubert. Bei seinem Kapitän Manuel Neuer spielt Löw einen Monat vor Beginn der WM in Russland (14. Juni bis 15. Juli) auf Zeit, setzt ihm aber auch ein Ultimatum.

„Mein Job als Bundestrainer ist es leider auch, Träume platzen zu lassen und harte Entscheidungen zu treffen“, sagte Löw im Dortmunder Fußball-Museum, wo auch seine Vertragsverlängerung bis 2022 sowie die von DFB-Direktor Oliver Bierhoff bis 2024 verkündet wurde. Neben Götze steht auch Sandro Wagner nicht im vorläufigen 27-köpfigen Aufgebot mit neun Weltmeistern und 14 Confed-Cup-Siegern. „Es ist nie gegen einen Spieler, immer im Sinne der Mannschaft und des Gesamterfolges“, betonte Löw, er ließ keinen Zweifel an der Zielsetzung: „Wir wollen diesen Titel wieder nach Deutschland holen.“

Bis zum 4. Juni muss das endgültige Aufgebot von 23 Spielern beim Weltverband gemeldet werden. Vier muss Löw also noch zuhause lassen. Verletzte Spieler können noch bis zu 24 Stunden vor dem ersten Gruppenspiel ausgetauscht werden. Neuer, der seit seinem Fußbruch im September 2017 nicht mehr gespielt hat, könnte dann fehlen. „Ohne Spielpraxis in eine WM zu gehen, ist nach so einer langen Pause schier unmöglich“, sagte Löw, der sich im Trainingslager in Südtirol (ab 23. Mai) ein Bild von der Verfassung des Torhüters machen möchte: „Danach werden wir offen und ehrlich reden, ob es für ihn möglich ist, die WM zu spielen.“ Löw nimmt auch Neuers Stellvertreter Marc-Andre ter Stegen, Bernd Leno und den Saarländer Kevin Trapp mit ins Trainingslager. Dort könnte Neuer bei internen Testspielen gegen die U20 Spielpraxis sammeln.



Dabei sind auch Ilkay Gündogan und Mesut Özil trotz ihres heftig kritisierten Treffens mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. „Das war keine glückliche Aktion“, sagte Löw. Sanktionen oder sogar ein Verzicht auf beide sei aber „zu keiner Sekunde“ Thema gewesen.

Dafür verzichtet Löw auf Götze. Schon für die Härtetests gegen Spanien (1:1) und Brasilien (0:1) war der Final-Siegtorschütze von 2014 nicht nominiert worden. „Es war nicht seine Saison. Er hat nicht seine Form gezeigt, die er bringen kann“, begründete Löw. Dafür setzt der Bundestrainer auf einen Dortmunder Teamkollegen: „Marco Reus hat eine besondere Gabe und ist eine außergewöhnliche Waffe. Er steht für außergewöhnliche Dinge“, sagte Löw. Für den verletzungsgeplagten Reus wäre es die erste WM-Teilnahme. Für den angeschlagenen Abwehrchef Jérôme Boateng steht der Leverkusener Jonathan Tah als Ersatz bereit. „Er hat sehr große Fortschritte gemacht“, sagte Löw.

Im Trainingslager muss Löw am Feinschliff arbeiten. Vor der WM stehen zudem zwei Länderspiele gegen Österreich in Klagenfurt (2. Juni) und Saudi-Arabien in Leverkusen (8. Juni) an. Die Mannschaft bricht am 12. Juni von Frankfurt aus nach Russland auf, wo sie in Watutinki nahe Moskau Quartier beziehen wird. Am 17. Juni startet sie in Moskau gegen Mexiko ins Turnier, weitere Gruppengegner sind Schweden (23. Juni in Sotschi) und Südkorea (27. Juni in Kasan).