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Wie könnte heute ein Weltbürgertum aussehen?
Der Arzt, der krank macht, um zu heilen

München. Stefan Weidner plädiert in „Jenseits des Westens“ für einen neuen Kosmopolitismus, der auch fremden Kulturen Rechnung trägt. Von Christoph Schreiner

Es ist nicht leicht, sich gedanklich durch diese 380 Seiten zu wühlen, die eine komplexe Philosophie des Kosmopolitismus entwerfen. Dennoch ist dieses Buch des Islamwissenschaftlers, Philosophen und Literaturkritikers Stefan Weidner nachdrücklich zu empfehlen – allen, die Zweifel daran hegen, dass die Ideologie des Westens heute das Nonplusultra ist. Die Ausgangsthese Weidners, bis 2016 Chefredakteur der vom Goethe Institut herausgegebenen Kulturzeitschrift „Art & Thought/ Fikrun wa Fann“, läuft darauf hinaus, dass am Anfang eines tragfähigen Weltbürgertums die Aufgabe dessen stehen muss, was Weidner das „säkulare Heilsversprechen des Westens“ nennt.

Zunächst rechnet er mit den bekanntesten jüngeren Theoremen des Westens ab: zum einen mit Francis Fukuyamas nach dem Berliner Mauerfall entworfener (Neo-)Liberalismus-Apologie „Das Ende der Geschichte“, zum anderen mit Samuel Huntingtons Theorie vom „Kampf der Kulturen“. Glaubte Fukuyama, mit dem Ende des Kalten Krieges den Beweis für die Überlegenheit westlicher Kultur erbracht, so formulierte Huntingtons „Clash of Civilizations“ die Antithese: Unvereinbar stünden sich die Kulturräume des Westens, Chinas und des Islams gegenüber, wobei auch Huntington im Sinne eines „The West and the Rest“ von der Überlegenheit des Westens ausgeht. Weidner kritisiert, dass beide Modelle auf der Abwertung des jeweils Fremden (im Zeichen von Sprache, Glauben, Ethnien) beruhen. In einem großen historischen Bogen leitet er die Überheblichkeit des westlichen Narrativs aus der mit der Aufklärung einhergehenden Trennung von Staat und Religion her.

Dem westlichen Menschen sei fortan nichts anderes übrig geblieben, als „das Heil, also das Gesetz, in der Natur zu suchen“ und natürlich-biologische Determinanten absolut zu setzen. Statt des vom Westen behaupteten Werte-Universalismus’, der nur vordergründig eine Gleichrangigkeit von Kulturräumen implizierte, seien dort vielmehr Rationalismus und das diesem eingeschriebene Fortschritts- und Leistungsprinzip absolut gesetzt worden. Das Vakuum, das der Wegfall der Religion bewirkte, wurde durch Überlegenheit quasi kompensiert: Das „Höhere“ ist man seither selbst.



Weidner zufolge zog dies geschichtlich eine „Blutspur der Idee kulturell (und das heißt auch ethnisch und religiös) homogener Räume“ nach sich. „Jede Vorstellung vom Westen steht unter dem Primat von Abgrenzungen“, schreibt er. Ob nun etwa der wegweisende deutsche Soziologe Max Weber (1864-1920) den Hellenismus dem Okzident zurechnet, obschon die antiken Schriften tatsächlich von Arabern und Byzantinern überliefert worden sind. Oder ob Heinrich August Winkler in seiner vierbändigen „Geschichte des Westens“ (2009-2015) diese in Abgrenzung von einem imaginierten Islam im Nachhinein erst konstruiert. Weidner schlussfolgert, der Westen gründe in einem Paradox: Seine offenen, liberalen Gesellschaften zeitigen Freiheit, betonen aber gegenüber anderen Kulturen die eigene Differenz, womit die Freiheit endet.

Der zweite Teil seiner philosophischen Streitschrift unternimmt dann den Versuch, Grundzüge eines neuen Kosmopolitismus zu entwerfen. Unabdingbar für diesen sei das Akzeptieren religiöser und kultureller Verschiedenheit, macht Weidner Mal um Mal deutlich. Da sich in unseren globalisierten Zeiten, anders als von Huntington unterstellt, Kulturräume zusehends vermischten, dürfe keiner absolut gesetzt werden.

Was aber sollen die gültigen Maßstäbe sein, an die wir uns alle zu halten gewillt sind? Hier setzt Weidner, einem deux ex machina gleich, seine entscheidende These und propagiert die Notwendigkeit einer „transzendenten Instanz“. Jacob Burckhardt zitierend („Ohne einen transzendenten Drang, der all das Geschrei nach Macht und Geld überflügelt, wird nichts von Nutzen sein“), ist damit für den (nicht-gläubigen) Philosophen Weidner nicht zwingend ein Gott gemeint – sondern ein übergeordnetes Recht, ein (jedoch wie herzuleitendes?) moralisches Korrektiv, das letztlich unbestreitbare Maßstäbe setzt. Er rekurriert dabei auf Hannah Arendt, die einst „ein Recht auf Rechte“ gefordert hat und damit ein überstaatliches Rechtssystem beschrieb, das nationalstaatliche Maßstäbe übersteigt. Idealtypisch eingelöst worden ist dieses übergeordnete Recht für Weidner 2015 in Deutschland, als sich die Flüchtlingskrise zuspitzte und auf einmal nationalstaatliche Erwägungen hinter menschenrechtlichen zurückstanden. Ähnliches sieht er im Falle von Klima- und Umweltschutz am Werk.

Weidner plädiert dafür, mehr „Entfremdungstoleranz“ zu entwickeln – sprich die Unbehaustheit des modernen Menschen anzunehmen und sie nicht durch Absolutsetzungen der eigenen Kultur nur zu verbrämen. Anstatt Fremdheit auszumerzen oder aber sie anderen zu attestieren, was bis dato dem „Programm der Moderne eingeschrieben“ sei, sieht er die einzige Lösung darin, „das Diesseits zur Heimat zu machen, da es darüber hinaus keine gibt“. Wobei er Heimat nicht (im Sinne des dies kultivierenden Seehofer’schen Heimatministeriums) als Ausgrenzung begreift, sondern vielmehr als Entgrenzung, als Ort eines überstaatlichen Aufgehobenseins. „Der Arzt, der krank macht, um heilen zu können, ist die europäische Vorstellung vom Nationalstaat.“ Was dieser hegemoniale Arzt als Kolonialherr und Finanzjongleur angerichtet hat und bis heute anrichtet, sollte inzwischen bekannt sein: Die künstlichen Nationen, die in Arabien, Afrika und Asien von ihm geschaffen wurden, wirken bis heute vielfach als Pulverfässer.

Wie eine wechselseitige kulturelle Befruchtung aussehen könnte, darauf hat auch Weidner keine einfache Antwort. Doch gibt er erhellende Hinweise. Streift den Kosmopolitismus der Romantik, erinnert an die Adaption des Buddhismus in China als Beispiel einer eingelösten Horizonterweiterung oder verweist auf Gandhis Prinzip asketischer Verweigerung. Ganz zuletzt landet er bei einem Schlüsseltext der indischen Spiritualität, dem Bhagarad Gita-Epos. Dessen Grundmaxime lautet: „Lass den Erfolg ganz gleich dir sein – der Gleichmut ist’s, der Andacht heißt.“ Die kosmopolitische Freiheit, die Weidner predigt, ist die der Freiheit des Andersdenkenden. Wie sagte Buddha einmal?: „Des Ichbewusstseins Beseitigung ist fürwahr das höchste Glück.“ Und Selbstüberschätzung unser Grundübel. Denn in Wahrheit ist alles relativ – jedes Ich, jeder Standpunkt, jede Religion.

Stefan Weidner: Jenseits des Westens. Für ein neues kosmopolitisches Denken. Hanser, 388 Seiten, 24 Euro.