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Die große Furcht vorm Lebensretter

 So funktioniert ein Defibrillator. An einer Übungspuppe zeigt dieser Rettungssanitäter den Umgang mit einem solchen Gerät.
So funktioniert ein Defibrillator. An einer Übungspuppe zeigt dieser Rettungssanitäter den Umgang mit einem solchen Gerät. FOTO: dpa / Klaus-Dietmar Gabbert
Magdeburg. Defibrillatoren können den Herztod verhindern. Viele Menschen wagen sich aber im Notfall nicht an die Geräte.

(dpa/red) Ein lautes Piepen. Mit ruhigen Händen folgt der Rettungssanitäter den Anweisungen einer mechanisch klingenden Frauenstimme. Sie kommt aus einem weißen Kasten, dem Defibrillator. Routiniert befestigt der Mann zwei Klebeelektroden auf dem nackten Brustkorb vor ihm. „Weg vom Patienten“, ruft er. Doch der Stromstoß durchs Herz, der jetzt eigentlich folgen müsste, bleibt aus. Der Einsatz ist eine Übung, der Patient eine Puppe.

Laut dem Statistischen Bundesamt starben im Jahr 2016 über 300 000 Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Sie sind mit Abstand die häufigste Todesursache in Deutschland. Ob an Bahnhöfen, in Banken oder Einkaufszentren, es gibt immer mehr Defibrillatoren in Deutschland. Die größte Datenbank verzeichnet einen Zuwachs von mehreren tausend Geräten pro Jahr. Doch die lebensrettenden Apparate werden nur selten benutzt. Ohne medizinische Ausbildung fürchten sich viele Menschen, einen Defibrillator im Notfall einzusetzen.

In den Räumen des Landesverbandes des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Magdeburg haben sich eine Reihe Teilnehmer für einen Kursus zum Thema AED (Automatisierter externer Defibrillator) angemeldet. Die ausgebildeten Ersthelfer sollen lernen, Laien im Umgang mit einem Defibrillator zu schulen und ihnen die Angst vor den Schockgeräten zu nehmen. Das ist wichtig, sagt Kursleiter Christian Hensel. Defibrillatoren seien das effektivste Mittel, das Ersthelfern bei einem Herz-Kreislauf-Notfall zur Verfügung stehe. Die Geräte seien so konzipiert, dass jeder sie ohne Vorkenntnisse einsetzen könne.



Der Defibrillator, kurz Defi genannt, ist für plötzliche Herzrhythmusstörungen gedacht. Hensel erklärt: „Wenn der Kreislauf zusammenbricht, versucht das Herz dies mit einer hohen Schlagfrequenz auszugleichen. Der Defibrillator beendet dieses sogenannte Herzflimmern mit einem Stromstoß. „Das Herz wird auf null gesetzt.“ Nun hat man mit Herzdruckmassage und Beatmung eine wesentlich höhere Chance, den Patienten zu reanimieren. „Der Defi bringt nur in Kombination mit einer Herzdruckmassage etwas“, sagt Hensel.

Das öffentliche Interesse an diesem Thema habe allerdings in den vergangenen Jahren nachgelassen, beklagt Hans-Joachim Trappe. Er ist Kardiologe an der Ruhr-Universität Bochum. Das sei für die betroffenen Patienten gefährlich, denn die Chance auf eine erfolgreiche Wiederbelebung beim rechtzeitigen Einsatz eines Defibrillators liege bei etwa 55 Prozent, ohne das Gerät seien es nur acht Prozent.

Der Kardiologe hat die Nutzung öffentlicher Defibrillatoren in verschiedenen Untersuchungen verglichen. Zwischen 2003 und 2015 hat Trappe ein Projekt am Frankfurter Flughafen betreut. Bei über 500 Millionen Besuchern in diesem Zeitraum kamen die Notfallgeräte in nur 25 Fällen zum Einsatz.

Dass Defis nicht so effektiv sind, wie erhofft, hat laut Trappe vor allem zwei Gründe. Zum einen lasse sich nicht vorhersagen, wo die Geräte benötigt werden. Der optimale Ort für einen Defibrillator ist folglich schwer zu bestimmen. Zum anderen wissen viele Menschen nicht, wo sie im Notfall einen Defi finden, oder sie haben Angst, das Gerät einzusetzen. Dagegen helfe nur Information über diese Technik, erklärt Trappe.

Tatsächlich gibt es bundesweit weder ein einheitliches Kataster noch eine Meldepflicht für Defis. Der gemeinnützige Verein Definetz versucht, Abhilfe zu schaffen. Mit etwa 26 000 registrierten Geräten verfügt er über die nach eigenen Angaben umfangreichste Datenbank in Deutschland. Die Daten recherchieren die Mitarbeiter größtenteils selbst, sagt der Vorsitzende Friedrich Nölle. Die Zahl nicht erfasster Defibrillatoren sei daher immer noch sehr hoch. Grundsätzlich gebe es aber den starken Trend zu mehr öffentlichen Schockgeräten in Deutschland. Es lohne sich, die Augen im eigenen Lebensumfeld offenzuhalten, empfiehlt Nölle.

Der Verein Definetz macht die Bedeutung dieser Geräte mit mehreren drastischen Vergleichen deutlich. „Jeder Mensch verliert im Laufe seines Lebens vier seiner Verwandten oder engen Freunde durch den Plötzlichen Herztod“, heißt es auf seiner Internetseite. In Deutschland fielen ihm 100 000 Menschen zum Opfer, und wenn man den Vergleich auf Europa ausdehne, „wäre es so, als würden täglich zwei vollbesetzte Jumbos abstürzen“. Dabei könnten die meisten der Betroffenen durch den Einsatz eines Defibrillators gerettet werden.

Einen schnellen Überblick über Defis in der Nachbarschaft ermöglicht auch die Notfall-App des DRK. Hier wird auf einer Karte der zum jeweiligen Standort des Smartphones nächstgelegene Defi angezeigt.

Sich zu informieren, sei wichtig, finden auch die Teilnehmer des Ausbilderkurses beim DRK in Magdeburg. Mit seinen abschließenden Worten richtet sich der vorführende Notfallsanitäter dann nicht nur an die Teilnehmer dieser Übung: „Den einzigen Fehler, den man machen kann, ist, nichts zu machen.“

www.definetz.de

(dpa)