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„Dau. Natasha“ bei der Berlinale
„Die Gewalt war eingegrenzt“

 Regisseur Ilya Khrzhanovskiy bei der Berlinale.
Regisseur Ilya Khrzhanovskiy bei der Berlinale. FOTO: dpa / Britta Pedersen
Berlin. Unerträgliche Folter-Szenen, umstrittene Drehbedingungen: Die Berlinale diskutiert den Film „Dau. Natasha“. Von Hans-Joachim Neubauer

Diese Szenen sind schwer zu ertragen. Die junge Natascha wird in einem sowjetischen Forschungsinstitut der 1950er vom Geheimdienst verhört. Ein Offizier schlägt sie, reißt ihr die Kleider vom Leib, zerrt sie an den Haaren durch die Zelle, drückt ihren Kopf in die Toilette. Er zwingt sie, eine Flasche in ihre Vagina einzuführen. Danach unterschreibt sie, was sie unterschreiben soll, verpflichtet sich zur Mitarbeit, flirtet mit ihrem Folterer.

Es sind Szenen aus dem Berlinale-Film „Dau. Natasha“, der zum Großprojekt „Dau“ gehört. 2005 begann es: Im Osten der Ukraine entstand auf einem großen Gelände jenes Filmset, in dem Ilya Khrzhanovskiy „Dau“ inszenierte. In einem simulierten Forschungsinstitut lebten mehr als 400 Personen jahrelang in einer scheinbar sowjetischen Welt. Essen, Kleidung, Reinigungsmittel, Hygieneartikel: Alles musste aussehen, riechen und schmecken wie früher. Auch was zwischen den Menschen passierte, sollte authentisch sein. Denn es wurde gefilmt, Tag und Nacht. Mehr als 700 Stunden Filmaufnahmen kamen zusammen; bisher wurden daraus mehrere Filme und eine Serie geschnitten.

In „Dau. Natasha“ folgt die subjektive Kamera ihren Objekten, zeigt, was Azhippo mit Natasha macht. Das tut weh. „Alle Gefühle sind real, aber die Umstände sind nicht real“, sagte der Regisseur auf der Pressekonferenz. Das ist das große ästhetische Problem von „Dau. Natasha“: Über die Simulation historischer Wirklichkeit soll ein kollektives „Reenactment“ entstehen – ein enormes Missverständnis. Die Simulation ist die stumpfeste aller Formen von Repräsentation. Warum lässt der Regisseur einen Folterer von einem Mann „spielen“, der für den KGB folterte?



Wer von den Produktionsbedingungen des Dau-Projekts gehört hat, betrachtet Suff, Sex und Folter unweigerlich als Voyeur: Haben die das wirklich getan? Die Antwort: Ja.

Solches Simulieren verhöhnt die wirklichen Opfer des Stalinismus. „Die Gewalt war eingegrenzt“, sagte Khrzhanovskiy in Berlin und räumte ein, dass beim Dreh bloß graduelle Unterschiede zum realen Schrecken bestanden. Damit gilt das Mitleid der Zuschauer den Darstellern, nicht den Dargestellten.

Dass es zu solchem Mitleid Anlass gibt, ist das zweite Problem. Seit Jahren kursieren Berichte über menschenverachtende Praktiken am Set, dort sei es „sektenhaft und manipulativ“ zugegangen, heißt es zuletzt in der Berliner „tageszeitung“. Khrzhanovskiy wischt sämtliche Vorwürfe vom Tisch: „Das sind alles Gerüchte.“ Hat die Berlinale ihren ersten handfesten Skandal?

„Dau“-Mitarbeiter mussten eine Verschwiegenheitserklärung unterzeichnen, auch sonst pflegen Khrzhanovskiy und sein Team eine äußerst restriktive Informationspolitik. Doch die Vorwürfe müssen geklärt werden. Dazu gehört auch die Frage, ob die Kinder, die bei „Dau“ in der Ukraine mitwirkten, nach europäischen Maßstäben behandelt wurden. Daran hätten auch die öffentlichen Institutionen ein Interesse, die das Projekt mit deutschen Steuermitteln unterstützt haben. Doch auch wenn es gelänge, Khrzhanovskiy zu entlasten: Am schlechten Gefühl beim Betrachten von „Dau. Natasha“ würde das nichts ändern.