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Ausstellung in der SULB
Von Daheimbleibern und Kosmopoliten

  Saarländische Familienbande: „Etwas verschwommen trotz vieler Charaktere“ hat der Merziger Gustav Regler zu diesem Bild vermerkt. Es entstand 1952 und zeigt (v.l.) Bruder Franz, Schwägerin Maria, Gustav Regler, Schwester Marianne Schroeder-Regler, Schwager Markus Schroeder und (vorne) Mutter Helene.
Saarländische Familienbande: „Etwas verschwommen trotz vieler Charaktere“ hat der Merziger Gustav Regler zu diesem Bild vermerkt. Es entstand 1952 und zeigt (v.l.) Bruder Franz, Schwägerin Maria, Gustav Regler, Schwester Marianne Schroeder-Regler, Schwager Markus Schroeder und (vorne) Mutter Helene. FOTO: archivannemayreglerrepplinger
Saarbrücken. 100 Jahre Saarland: Das Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass zeigt in einer Ausstellung, wie saarländische Literaten die Identität des Landes auf- und bearbeiten. Von Michael Kipp

Sie entsteht aus Unterschieden. Aber auch aus Gemeinsamkeiten. Die Identität eines Menschen, die eines Volkes, sie wächst irgendwo auf der grünen Wiese zwischen dem „Ich“ und den „Anderen“. Dabei ist sie ein Prozess – kein Ist-Zustand. Sie zu greifen, „fällt nicht leicht“, weiß Hermann Gätje vom Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass. Der Literaturwissenschaftler hat mit seinem Kollegen Professor Sikander Singh gerade eine Ausstellung zum Thema kuratiert. „Saarländische Identitäten(en)“ heißt sie und ist im Foyer der Universitäts- und Landesbibliothek auf dem Saarbrücker Campus zu sehen. In Büchern oder Gedichten saarländischer Autorinnen und Autoren macht sich die Ausstellung auf die Suche nach der saarländischen Identität.

Warum? „Weil das Saarland im Jahr 2020 seinen 100. Geburtstag feiert“, erklärt Gätje. Zumindest trat am 10. Januar 1920 der Versailler Vertrag in Kraft, der dem damaligen Saargebiet in etwa die Grenzen gab, die heute das Saarland hat. Grund genug für das Land, sein Jubiläum zu feiern – und auf die Entstehung seiner Identität zurückzuschauen. Doch wie konnte aus den Saarländern eine Gemeinschaft entstehen, obwohl sie noch nicht mal den gleichen Dialekt sprechen? Moselfranken und Rheinfranken. Die Preußen aus Saarbrücken und Saarlouis, daneben die Bayern aus Homburg und St. Ingbert. Auf der Suche nach Antworten schaut das Litarturarchiv auf 100 Jahre Saar-Literatur, darauf, wie die Saar-Autoren die Saarländer-Werdung begleiten, aufnehmen, verbreiten, bewusst oder unbewusst.

 Hermann Gätje vom Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass in der Ausstellung in der Universitäts- und Landesbibliothek des Saarlandes.
Hermann Gätje vom Literaturarchiv Saar-Lor-Lux-Elsass in der Ausstellung in der Universitäts- und Landesbibliothek des Saarlandes. FOTO: Michael Kipp


„Das Wort ,Identität‘ hat ja so viele semantische Bedeutungen“, erklärt Gätje. Wie kann man sie in Konzepte fassen, sie eingrenzen, um sie in der Literatur zu belegen? Die zwei Kuratoren haben sich auf einige Identitätskonzepte konzentriert, die ihrer Meinung nach zum Saarland passen. Zum Beispiel: Bodenständigkeit, Kindheit an der Saar, Industrielandschaft und Wälder, Grenzgänger, Bergbau und Stahlindustrie, der Fluss Saar, die Religion und das historische Bewusstsein. Zu diesen Bereichen hat das Archiv Textbelege in Vitrinen gelegt. So zeigen sie unter dem Titel „Bodenständigkeit“ Textzeilen von Johannes Kirschweng (1900 bis 1951). Heimat und Grenzen sind oft Motive in den Romanen und Gedichten des Autors, der sich in der Saargebietszeit (1920 bis 1935) für die Rückkehr ins Deutsche Reich einsetzt, sich aber bereits vor dem 2. Weltkrieg wieder von den nationalistischen Tönen distanziert. Ohne die Heimat aus den Augen zuverlieren. So schreibt er in seinen Roman „Der Neffe des Marschalls“ (1939): „Wir lieben unsere Stuben mehr als das Weltall, unsere Dorfbrunnen mehr als einen Ozean, und unsere kleinen Gärten sind uns hundertmal lieber als alle Wunder der fernsten und buntesten Urwälder.“ Oder: „Wir sind eine Rasse von inbrünstigen Daheimbleibern.“

Unter dem Identitätskonzept „Kindheit an der Saar“ zeigt die Ausstellung in Glaskästen und auf Wandtafeln, die mit Saarlandfarben hinterlegt (rot und blau) sind, Textauszüge aus Romanen von Werner Reinert (1922 bis 1987) und Manfred Römbell (1941 bis 2010). In der Ausstellung ist in Handschriften und Korrekturfahnen nachzuverfolgen, wie Römbell und auch Reinert in ihren Büchern die Kindheit in Saarbrücken und Friedrichsthal darstellen. Schön zu sehen und zu lesen ist das. Genau wie Römbells „Rotstraßentrilogie“ zum Beispiel. Die Geschichte einer saarländischen Familie nach 1945.

„Literatur kann Identität aufnehmen“, erklärt Gätje, „sie kann sie aber auch schaffen“. Unter dem Grenzgänger-Konzept tauchen Texte des Schriftstellers und Übersetzers Eugen Helmlé aus Ensdorf (1927 bis 2000) auf, der in Sulzbach sicher auch mal mit seinem Schriftstellerfreund Ludwig Harig über das Saarland in der Literatur diskutiert hat. Unter dem Bergbau-Idenditäts-Konzept zeigt die Aussstellung Alfred Pettos (1902 bis 1962) „Das Saarbergmannskind. Bildnis einer Jugend“ (1934). Oder Alfred Gulden mit seinem Gedichtband „Glückauf: ins Gebirg“. Oder Albert Korn (1880 bis 1965), der saarländische Bergbaulyriker.

Unter „Industrielandschaft an der Saar“ erinnert die Ausstellung an „Lichte Punkte am Fluss“, an Texte von Maria Croon (1891 bis 1983), die gerne den Unterschied zwischen ländlicher und industrieller Kultur herausarbeiten. Sie erinnert an Kosmopoliten wie Gustav Regler, wie sie Saar-Identität exportierten. Wie Sagen an der Saar auf die Identität einzahlen, dokumentiert die Ausstellung. Oder Religion. Oder besser: Sie gibt dezente, wenig laute Hinweis darauf, wie das Wechselspiel funktioniert. Wie Literatur zum Mörtel zwischen den Bausteinen der Identität wird. Letztlich bleibt dem Besucher selbst überlassen, seine Identität zwischen den Schriften zu finden. Jeder ist anders – auch die Saarländer.

Die Ausstellung läuft bis Samstag, 18. April, im Foyer der Saarländischen Landes- und Universitätsbibliothek.