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Von Bären lernen
Grizzlybären sollen Medizinern helfen

 Bei Grizzlybären überstehen die Muskeln den Winterschlaf beinahe unbeschadet.
Bei Grizzlybären überstehen die Muskeln den Winterschlaf beinahe unbeschadet. FOTO: Gotthardt, MDC
Berlin. Forscher des Berliner Max-Delbrück-Centrums suchen nach neuen Behandlungsmöglichkeiten des Muskelschwunds.

(np) Weniger als 600 Menschen weltweit waren jemals im All. Doch Millionen Menschen kennen das Problem, das im Weltraum jedem Astronauten Sorgen macht. Unsere Muskeln bauen ab, sobald sie nicht gefordert sind. Das erlebt, wer nach einem Arm- oder Beinbruch wochenlang einen Gipsverband tragen oder wegen einer Krankheit länger liegen muss. Im Anschluss drohen möglicherweise auch Thrombosen und psychische Probleme.

Grizzlybären stecken dagegen eine monatelange Auszeit locker weg. Sie verbringen Monate im Winterschlaf, ohne dass ihre Muskeln unter dem Bewegungsmangel leiden. Wie ihnen das gelingt, haben Forscher des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin untersucht. Sie wollen wissen, wie der Stoffwechsel des Bären während des Winterschlafs funktioniert, um Muskelschwund bei menschlichen Patienten verhindern zu können.

Die Winterpause des Grizzlys dauert mehrere Monate. Sie kann zwischen November und Januar beginnen und ist zwischen März und Mai zu Ende, berichtet das Delbrück-Centrum. Um sich für die Auszeit vom Leben zu wappnen, beginnt ein Bär in der Regel ab September große Mengen zu fressen. Und irgendwann zwischen November und Januar fällt er in den Winterschlaf. Stoffwechsel und Herzschlag sinken rapide, die Tiere scheiden nichts mehr aus, die Stickstoffkonzentration des Bluts steigt drastisch und die Zellen des Grizzlys werden gegenüber dem Hormon Insulin resistent. Ein Mensch würde diese monatelange Ruhephase kaum gesund überstehen, der Grizzly sei nach dem Winterschlaf ein bisschen träge, aber ansonsten fit.



Wie es die Muskeln schaffen, diese Auszeit unbeschadet zu überstehen, hat jetzt ein Team um Professor Michael Gotthardt und Douaa Mugahid untersucht. Die Wissenschaftler erforschten Muskelzellen von Grizzlys während und nach dem Winterschlaf, um herauszufinden, welche Gene in ihnen aktiv sind. Dabei seien sie auf erhöhte Konzentrationen sogenannter nicht- essenzieller Aminosäuren (NEAA) gestoßen, die in Laborexperimenten auch Muskelzellen von Menschen und Mäusen zum Wachstum anregen konnten, sagt Gotthardt. Doch sei es wahrscheinlich wichtig, dass ein Muskel diese Aminosäuren selbst produziert, denn als Tabletten könnten sie Muskelschwund bei Menschen nicht verhindern. Das sei aus früheren Untersuchungen bekannt. Eine Handvoll Gene spiele bei der Produktion der Aminosäuren in der Zelle eine Schlüsselrolle, berichtet das Forscherteam. Ob sie als ein mögliches Ziel für eine Therapie eine Rolle spielen könnten, solle nun im Labor genauer untersucht werden. „Als Angriffspunkt für eine Therapie eignen sie sich natürlich nur dann, wenn das keine oder nur wenige Nebenwirkungen hat“, sagt Michael Gotthardt.