| 20:20 Uhr

Kommt es zur Pandemie?
Italienische Städte im Griff von Corona

  Eine Frau trägt im italienischen Mailand eine Atemschutzmaske, während sie über den fast menschenleeren Platz vor dem Mailänder Dom läuft. Kein europäisches Land hat bislang mehr Corona-Infektionen registriert als Italien .
Eine Frau trägt im italienischen Mailand eine Atemschutzmaske, während sie über den fast menschenleeren Platz vor dem Mailänder Dom läuft. Kein europäisches Land hat bislang mehr Corona-Infektionen registriert als Italien . FOTO: dpa / Luca Bruno
Rom. Die Infektionszahlen steigen rasant, Städte werden abgeriegelt: Das neuartige Corona-Virus ist in Italien angekommen. Damit steigt auch das Risiko für Deutschland. dpa/ap

Beim Karneval in Venedig waren sie jüngst wieder präsent: Schnabelmasken, die Ärzte in Zeiten der Pest trugen, um sich zu schützen. In Norditalien bestimmt zunehmend ein zeitgemäßer Mundschutz das Straßenbild. Denn das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2 ist im Land.

Die Zahl der Infizierten ist in Italien über das Wochenende überraschend stark angestiegen. Bis zum Sonntagnachmittag waren es bereits mehr als 130 Fälle, wie Zivilschutzchef Angelo Borrelli erklärte. Am stärksten war die wirtschaftsstarke Region Lombardei betroffen. Es folgte Venetien. Darunter gab es auch zwei Fälle in der Stadt Venedig. Auch im Piemont, in der Emilia-Romagna und in Rom hatten sich Menschen angesteckt. 26 Personen waren laut Zivilschutz auf der Intensivstation. Drei ältere Menschen starben. Als drittes Todesopfer meldete die Region Lombardei am Sonntag eine Frau, die bereits in der Onkologie behandelt worden war. Es ist der schlimmste bekannte Ausbruch von Sars-CoV-2 in Europa.

In der stark betroffenen Stadt Codogno waren viele Straßen am Wochenende menschenleer, die Stadt wirkte wie eine italienische Version der abgeriegelten chinesischen Millionenstadt Wuhan. Etliche Schulen und Geschäfte sind geschlossen. Der Karneval in Venedig wurde gestoppt.



Bis Mittwoch schien die Welt noch in Ordnung, nur drei Infektionen waren landesweit bekannt. Am Donnerstag folgte der Schock: Bei einem schwer erkrankten 38-Jährigen in einer Klinik in Codogno wurde das Virus nachgewiesen, dann bei Menschen in seinem Umkreis. Die italienischen Behörden reagierten schnell, stellten Menschen unter Quarantäne, veranlassten Tests auf das Virus bei Krankenhauspersonal, Verwandten, Arbeitskollegen und Freunden. Doch das Virus hatte längst Dutzende weitere Menschen erfasst.

Am Samstagabend greift die italienische Regierung hart durch, um eine weitere Ausbreitung von Covid-19 im Norden einzudämmen: Knapp ein Dutzend Orte südöstlich von Mailand mit etwa 50 000 Einwohnern sowie Vo mit rund 3000 Bewohnern werden abgeriegelt. „Das Betreten und Verlassen dieser Gebiete ist verboten“, sagt Regierungschef Giuseppe Conte. Sicherheitskräfte würden eingesetzt. „Wenn nötig, werden es auch die Streitkräfte sein.“ Wer versuche, die Absperrungen zu umgehen, dem drohe „strafrechtliche Verfolgung“.

Derweil wird nach dem Ursprung der Ausbrüche gesucht. Im Unterschied zum Aufkeimen von Sars-CoV-2 in Bayern mit 14 Infizierten gibt es keinen „Patient 0“, keinen bekannten Ersterkrankten. Möglicherweise brachten Personen aus China das Virus unwissentlich mit. Die Statistiker zählen in Italien rund 300 000 Chinesen, dazu kamen zuletzt jährlich 5,3 Millionen Übernachtungen aus dem Land.

Aus dem Iran werden acht Virus-Tote gemeldet. Das dortige Gesundheitsministerium bestätigte im Staatsfernsehen 43 Krankheitsfälle und meldet landesweit 785 Verdachtsfälle, von denen 28 positiv auf Covid-19 getestet wurden. In Südkorea stieg die Zahl der nachgewiesenen Infektionen um 169 auf 602. Die Zahl der Todesfälle hat sich von vier auf fünf erhöht. Japan zählt inzwischen mehr als rund 840 Infektionen. Davon entfallen wohl etwa 690 auf Passagiere des Kreuzfahrtschiffs „Diamond Princess“.

Für den Fall, dass in Italien auch Deutsche betroffen sind, hat sich die Bundesregierung mit den italienischen Behörden in Verbindung gesetzt, teilte das Auswärtige Amt mit. Am Montag soll es auf deutsche Initiative hin eine Schaltkonferenz der EU-Gesundheitsbehörden geben.

„Eine Eindämmung in letzter Sekunde ist wohl auch mit allen verfügbaren Kräften nicht mehr erreichbar“, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten. Das Virus spielt laut Experten seinen Trumpf aus: Weil die meisten Infektionen mit Sars-CoV-2 mild verlaufen, sind sie kaum erfassbar. Ähnlich wie die Grippewelle könnte auch die Covid-19-Welle im Frühjahr abflauen, so eine vage Hoffnung.