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Mitmenschen gehen aus Angst vor dem Virus auf Abstand
Chinesen unter Corona-Generalverdacht

 Menschen asiatischen Aussehens wie Yen Souw Tain aus Köln fühlen sich in Zeiten der Coronavirus-Epidemie oft ausgegrenzt. Was er allerdings neulich im Supermarkt seines Vaters erleben musste, hat ihn mehr als verärgert.
Menschen asiatischen Aussehens wie Yen Souw Tain aus Köln fühlen sich in Zeiten der Coronavirus-Epidemie oft ausgegrenzt. Was er allerdings neulich im Supermarkt seines Vaters erleben musste, hat ihn mehr als verärgert. FOTO: dpa / Roberto Pfeil
Köln/Rom. Asiatisch aussehende Menschen spüren in diesen Tagen immer wieder, dass Mitmenschen plötzlich Angst haben, sie könnten das Virus in sich tragen und sie anstecken. Christoph Driessen Petra Kaminsky dpa

Er ist in Deutschland geboren. Er hat ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Er spricht akzentfrei Deutsch. Und dennoch hat er seit seiner Kindheit immer wieder das Gefühl, nicht richtig dazuzugehören. Weil Yen Souw Tain chinesische Wurzeln hat.

Es begann schon in der Schule. „Schlitzauge“ wurde er da genannt. Er kennt das vage Reden über eine „gelbe Gefahr“. Jetzt sorgt die Angst vor dem Coronavirus weltweit verstärkt für negative Emotionen – neue und alte. In Malaysia etwa fand eine Online-Petition für ein Einreiseverbot für Chinesen Hunderttausende Unterstützer.

Am vergangenen Freitag wurde es Yen Souw Tain in Köln jedenfalls zuviel. „Da hab ich einfach mal meinen Frust rausgelassen“, sagt er. Er postete etwas auf Facebook. „Liebe Kunden und Asia Fans“, begann der 32-Jährige. Damit richtete er sich an diejenigen, die im Supermarkt seines Vaters in Köln einkaufen. Ein Markt für asiatische Spezialitäten. Ein Markt, in dem es gerade deutlich ruhiger ist als sonst. „Was wir im Moment erlebt haben, ist sehr traurig“, schrieb Tain. Er schilderte folgende Szene: Eine Frau kommt mit ihrer etwa zehn Jahre alten Tochter in den Supermarkt und fordert sie auf: „Zieh deinen Schal vors Gesicht!“ An der Kasse fragt das Mädchen die Mutter: „Sind denn alle Chinesen hier krank?“ Die Mutter antwortet nicht. Sie bezahlt und hastet nach draußen. „Das fand ich schockierend“, sagt Tain. Er kann verstehen, dass sich die Mutter Sorgen um die Gesundheit ihres Kindes macht. Aber er kann nicht verstehen, dass sie die Frage nicht beantwortet hat. Dass sie nicht gesagt hat: „Nein, natürlich nicht.“



In Italien, wo viele Menschen mit chinesischen Wurzeln seit Jahrzehnten zu Hause sind, häufen sich die Vorfälle. Rund 300 000 Chinesen zählen die Statistiker, dazu kommen 5,3 Millionen Übernachtungen von Chinesen in dem Mittelmeerland. Vergangene Woche hing vor einer Bar am Trevi-Brunnen in der Hauptstadt Rom ein Schild, das Chinesen den Eintritt verbot.

Die Zeitung Il Messaggero berichtete, dass Müllmänner in dem römischen Viertel, in dem besonders viele Chinesen wohnen, nicht mehr sauber machen wollten – aus Angst vor Ansteckung. In Rom war Ende Januar bei einem Urlauberpaar aus China das Virus festgestellt worden.

In Turin ging Bürgermeisterin Chiara Appendino demonstrativ chinesisch essen, wie Medien schrieben. Sie warnte vor „Rassismus“. Zuvor hatte es einen Vorfall in einem Bus gegeben. Mitreisende sollen eine junge Chinesin, die kein Italienisch sprach, als „unerwünschte Person“ angegangen sein.

In Köln hofft Yen Souw Tain unterdessen, dass die Seuche bald abklingen wird. Damit niemand mehr krank wird, damit niemand mehr stirbt. Und auch, damit asiatisch aussehende Menschen nicht mehr gemieden werden. Seine Mutter, erzählt er, saß am Montag in Köln in einer vollen Straßenbahn – aber der Platz neben ihr blieb frei. Sie versuchte, es mit Humor zu nehmen: „Ich hatte jetzt endlich mal viel Platz.“