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Corona-Krise
Der Hamsterkäufer wird nicht müde

 Ein Kunde schiebt seinen vollen Einkaufswagen an einem leeren Regal vorbei.
Ein Kunde schiebt seinen vollen Einkaufswagen an einem leeren Regal vorbei. FOTO: dpa / Tom Weller
Homburg. Auch in Homburg werden die Lebensmittel gehortet, meistens geht es jedoch gesittet zu. Immer noch sind viele Regale leer. Toilettenpapier: Fehlanzeige. Von Jennifer Klein

Das Wort „Hamsterkäufe“ hat das Zeug zum Wort des Jahres. Plötzlich war der putzige Nager überall: In den sozialen Medien kursierten Sprüche wie „Hamsterkäufe in Italien: Grappa und Zigaretten, in Frankreich: Rotwein und Kondome, in den USA: Medikamente und Waffen, in den Niederlanden: Haschisch und Käse, in Deutschland: Mehl und Klopapier – Ich bin im falschen Land“. Schön auch „Frau mit Klopapier sucht Mann mit Nudel“.

Allerdings ist irgendwann auch Schluss mit lustig. Die gähnende Leere in den Regalen wirkt gespenstisch. Vor allem in den größeren Supermärkten schleppen Zeitgenossen Mehl, Nudeln, Milch, Cornflakes und Toilettenpapier (wenn es denn mal gibt) in rauhen Mengen aus den Läden. Und das nicht nur einmal. Im Hinblick auf die aktuellen Verhaltensregeln zur Eindämmung des Corona-Virus sollte man doch meinen, wer hamstert, der hamstert – und bleibt dann erstmal zu Hause. Das ist doch Sinn der Sache, oder? „Nein, die kommen zum Teil jeden Tag wieder. Als es letzten Freitag hieß, dass die Schulen und Kitas geschlossen werden, ging es ganz krass los“, erzählt eine Supermarktmitarbeiterin, die aber weder ihren Namen noch den ihres Arbeitgebers in der Zeitung genannt haben möchte. Und sie könne den Kunden nicht verwehren, so viel zu kaufen. Allenfalls kann man an freiwillige Einsicht appellieren, zum Beispiel durch Schilder am Eingang. „Aber manche lassen sich auch durch höfliche Ansprache und gutes Zureden nicht dazu bewegen, nur die üblichen Mengen zu kaufen. Die werden zum Teil noch unverschämt.“

Folgende Szene erlebte die Chronistin am Dienstag mit: Der seiner Kleidung nach durchaus gutsituierte Herr mittleren Alters, der in einem großen Supermarkt die letzten zwei Paletten Nudeln in seinen ohnehin schon voll gepackten Einkaufswagen lud. Sie passten gerade so noch obendrauf. Als ihn eine junge Frau mit Kind fragte, ob er ihr davon bitte zwei Päckchen abgeben könnte, kam als Antwort ein glattes „Nein, das ist in meinem Wagen, das ist meins“. Schnurstracks marschierte er zur Kasse. Die Einkäufe packte er dann in einen SUV mit ortsfremdem Kennzeichen – offenbar hamstert man 50 Kilometer außerhalb des eigenen Umfeldes völlig ungeniert, der Sprit ist ja auch günstig in diesen Tagen.



Während beispielsweise in Frankfurt von lautstarken Auseinandersetzungen in Läden um Toilettenpapier berichtet wird und Türsteher den Einlass regeln, bleibt es bei uns weitgehend gesittet. „Es ist ruhig in Homburg“, teilt die Polizeiinspektion Homburg auf Nachfrage mit, Ausschreitungen oder sonstige unliebsame Vorfälle im Zusammenhang mit Hamsterkäufen beziehungsweise den Restriktionen wegen Corona habe es bislang nicht gegeben.

Viele kaufen auch frische Sachen wie Obst, Gemüse oder Wurst in normalen Mengen, erzählt eine Kassiererin. „Mehl, Grieß oder auch Haferflocken sind immer noch schnell weg, auch Seife.“ Toilettenpapier? Bis heute Fehlanzeige. Wenn es mal welches gibt, ist es innerhalb weniger Stunden ausverkauft, berichten Mitarbeiter in Drogerie- und Supermärkten übereinstimmend. Als ob es vor einer Infektion mit dem neuartigen Virus schützen würde – und der löst auch keinen Durchfall aus. Aber es kostet nicht so viel, man kann es gut aufheben, und irgendwann wird es ohnehin gebraucht.

 Mit Mundschutz: die Bronzeskulptur vor der Kreissparkasse-Filiale in Homburg 
Mit Mundschutz: die Bronzeskulptur vor der Kreissparkasse-Filiale in Homburg  FOTO: Jennifer Klein

Wissenschaftler Steven Taylor, Professor für klinische Psychologie an der University of British Columbia und Autor des Buches „The Psychology of Pandemics“ hat erklärt: „Die Menschen haben das Bedürfnis, etwas zu tun, um sich und ihre Familie zu schützen. Was können sie schon tun, außer sich die Hände zu waschen und sich zurückzuziehen?“ Mit den Hamsterkäufen habe man immerhin das Gefühl, bewusst etwas zu tun. Und da sei gerade das Toilettenpapier als Hygieneartikel zu einem „Symbol für Sicherheit“ geworden.

Aber Hamsterkäufe allein sind wohl keine Strategie für die kommenden Wochen. Steven Taylor rät im Interview mit der „Zeit“: „Viele Menschen haben sich mit Vorräten und Medizin für die Phase der Isolation eingedeckt. Das ist wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist, sich eine Beschäftigung zu suchen, damit einem die Decke nicht auf den Kopf fällt. Ich kann nur allen raten: Suchen Sie sich Projekte. Für mich bedeutet das Lesen und mich um meinen Garten kümmern.“