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Bronkhorst
Mit der Fähre zurück ins Mittelalter

 In den Backsteinhäuschen am Gijsbertplein in Bronkhorst, einer der kleinsten Städte der Niederlande, haben sich Künstler und Antiquitätenhändler einquartiert. Der gesamte Ort steht unter Denkmalschutz.
In den Backsteinhäuschen am Gijsbertplein in Bronkhorst, einer der kleinsten Städte der Niederlande, haben sich Künstler und Antiquitätenhändler einquartiert. Der gesamte Ort steht unter Denkmalschutz. FOTO: Bernd F. Meier
Bronkhorst . Verwinkelte Gassen und Kopfsteinpflaster: Das niederländische Bronkhorst hat nur knapp 100 Einwohner und ist dennoch eine Stadt. Von Bernd F. Meier

Origineller kann die Anreise kaum sein: Keine drei Minuten benötigt das gelbe Fährboot über den Ijsselfluss auf der Tour nach Bronkhorst, eine der kleinsten Städte der Niederlande. Keine 100 Einwohner zählt der Flecken, wo sich nicht mal ein Lebensmittelladen hält. Stattdessen siedelten sich Antiquitätenhändler und Künstler in den schmalen Backsteinhäuschen am Gijsbertplein an. „Wer zu uns kommt, der taucht in eine andere Welt ein“, verspricht Mevrouw Bep ter Hoeve, die Gäste durch die Gassen führt. „Schon vor 1000 Jahren wurde Bronkhorst zum ersten Mal erwähnt, seit 1482 haben wir tatsächlich die Stadtrechte.“

Wegen seiner Historie ist Bronkhorst vor allem an den Wochenenden ein viel besuchtes Ausflugsziel. Dann schieben sich Touristen in Gruppen über die einzige Durchgangsstrasse, die Onderstraat. Darunter sind auch Gäste aus Japan, Südkorea und den USA, die auf ihrer Holland-Tour per Kreuzfahrtschiff im nahen ­Zutphen Station machen und dann einen „Landausflug“ nach Bronkhorst unternehmen.

Wer es ruhiger mag, der kommt wochentags hierhin, parkt sein Auto auf den Abstellplätzen am Stadtrand, schlendert vorbei an den alten Häuschen und lässt sich von der besonderen, mittelalterlich geprägten Atmosphäre verzaubern. Die gemütlichen Häuser im Stil des 17. Jahrhunderts wurden bereits ab 1975 behutsam restauriert; heute steht der gesamte Ort – oder besser gesagt die Stadt – unter Denkmalschutz.



In Bronkhorst gibt es ein Hotel, zwei Restaurants und die Antiquitätenhändler „Heeren van Bronckhorst“. Blumenfreunde zieht es hingegen mehr zu den gepflegten Ziergärten in Bronkhorst. An jeweils einem Wochenende im Juni und im August öffnen die Gärten ihre Pforten für Besucher.

Bronkhorst eignet sich gut als Ausgangpunkt für Radtouren in den Achterhoek, was im übertragenen Sinne heißt „Die hinterste Ecke der Niederlande“. Gerade mal 50 Kilometer erstreckt sich diese stille Landschaft von der Ijssel bis zur deutschen Grenze, dem münsterländischen Zwillbrock. Genau die richtige Größe, um kleine Dörfer, abgelegene Landgüter und verwunschene Wasserschlösser mit der „Fiets“ (Fahrrad) zu erkunden.

Auf über 2000 Kilometer kommt das gut beschilderte Radwegenetz des Achterhoek. Beliebt bei Radtouristen ist die „Acht Kastelentocht“ (Acht Schlösserroute) rund um Vorden, die durch Waldstücke und Wiesen zu acht Schlössern führt. 36 Kilometer lang ist die Strecke; sie wurde schon 1913 angelegt und gilt damit als die älteste Radroute der Niederlande.

Von Bronkhorst führt eine weitere Radstrecke entlang der Ijssel ins lebendige Zutphen. Alternativ geht es über den Deich nach Süden: Eine Stunde lang kräftig in die Pedale treten, wenn der Wind von vorne kommt, und man ist in Doesburg: Behutsam restaurierte Häuschen, Kopfsteinpflaster und Gassen kennzeichnen die kleine Hansestadt, in der über 150 Gebäude unter Denkmalschutz stehen.

In der 11 000-Einwohner-Stadt lohnt der Besuch der traditionsreichen Senfmühle (Mosterdfabriek) und des Lalique Museums für hochrangige Glas- Und Juwelierkunst. Dessen Sammlung erinnert mit Werken aus der Jugendstilzeit und Art-Deco an den Franzosen René Lalique (1860-1945), einem der bedeutendsten Schmuck- und Glaskünstler der 1920er Jahre.

Über allem wacht die Martinikirche, deren Turm 97 Meter himmelwärts ragt und damit zu den höchsten Kirchtürmen der Niederlande zählt. Nur ein paar Schritte weiter und man kehrt ein im Stadsbierhuys „De Waag“ (Koepoortstraat 2-4). Aus dem Jahr 1478 stammt das prachtvolle Backsteinhaus. Den Erzählungen nach soll „De Waag“ das älteste Restaurant der Niederlande sein.

Doesburg und Zutphen zählen wie Deventer, Hattem, Zwolle, Hasselt, Kampen zu den Hansestädten entlang der Ijssel, die trotz ihrer Ferne zum offenen Meer vom 14. bis 16. Jahrhundert zu bedeutenden Handelstädten wurden. Auf dem Fluss wurden die Waren bis ins norwegische Bergen und über die Ostsee in Richtung Rostock, Riga und Danzig verschifft: Leinen, Roggen, Butter und Käse aus den Dörfern links und rechts der Ijssel. Eisen aus dem Siegerland, Wein vom Rhein und aus Italien gelangten über Rhein und Ijssel in die Hansestädte.

Handel und Seefahrt machten die Menschen reich, noble Stadthäuser im Stil der flämischen Renaissance entstanden in den Hansestädten. In Deventer ließ Herbert Dapper um 1575 den Backsteinbau „De Drie Haringen“ (Die drei Heringe) am Marktplatz errichten. Über der Tür trägt das Haus ein Wappen mit drei goldenen Heringen. Dapper wollte zeigen, was ihm zu Wohlstand verholfen hatte – der Handel mit Heringen.