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Industrie 4.0 im Saarland
Bosch-Rexroth setzt auf Individualisierung

 An der Industrie-4.0-Montagelinie werden die Mitarbeiter über Computerbildschirme angeleitet. Je nach Kenntnisstand bekommen sie dabei mehr oder weniger Handgriffe gezeigt.
An der Industrie-4.0-Montagelinie werden die Mitarbeiter über Computerbildschirme angeleitet. Je nach Kenntnisstand bekommen sie dabei mehr oder weniger Handgriffe gezeigt. FOTO: Bosch-Rexroth
Homburg. Das Homburger Traditions-Unternehmen will über eine gesteuerte Fertigung auch Einzelprodukte in kürzester Zeit – und zwar innerhalb von 24 Stunden – liefern können. Joachim Wollschläger

Bosch-Rexroth setzt in Homburg verstärkt auf eine intelligente Produktion, um auch im Hochlohnumfeld weiter bestehen zu können. „Durch den Einsatz von IT in der Produktion können wir deutlich flexibler produzieren und auch Einzelaufträge schnell abarbeiten“, sagt der technische Werkleiter, Frank Hess. Ziel sei es unter anderem, Aufträge innerhalb von 24 Stunden umsetzen zu können.

Seit 2014 hat Bosch-Rexroth in Homburg eine Industrie-4.0-Montagelinie in Betrieb. Dort können Hydraulik-Ventile aus sechs Produktfamilien in unterschiedlichsten Varianten produziert werden. Je nach Kompetenz und Muttersprache bekommen die Monteure dann mehr oder weniger Anweisungen in verschiedenen Sprachen, mit denen sie durch den jeweiligen Montageprozess geführt werden.

Die Ventile können auf diese Weise nicht nur passgenau montiert werden, sondern es kommt auch zu weniger Fehlern, sagt Hess. „An dieser Linie haben wir seit Inbetriebnahme keine Rückläufe aufgrund von Montagefehlern“, sagt der Werkleiter. Aufgrund der positiven Erfahrungen gelte: Bei jeder kommenden Investitionen im Werk würden künftig Mensch, Maschine und Produktionsprozess vernetzt. Dabei gehe es auch zunehmend um Flexibilität bei den Produkten. „Wir bieten sehr viele Varianten an“, sagt Hess. Insgesamt würden von 1500 Kunden am Standort im Jahr rund 4500 verschiedene Produkte abgerufen. Doch die Zahl der möglichen Varianten sei noch deutlich höher: Der Baukasten umfasse Millionen an Kombinationen.



Die Bosch-Tochter ist vor allem in zwei Produktbereichen aktiv: Bosch-Rexroth stellt einerseits Hydraulikventile für Landmaschinen wie große Traktoren her, der zweite Bereich umfasst Hydraulik-Ventile für die industrielle Produktion. Hier nennt Hess als Beispiel Druckventile für Maschinen in der Kunststoff-Herstellung. „In diesem Bereich sind die Stückzahlen häufig geringer, wenn ein Hersteller für eine ganz bestimmte Maschinenkonfiguration Ventile braucht“, sagt Hess. Schnelle Lieferzeiten, wie die intelligente Produktion sie ermöglichen, seien dort ein Wettbewerbsvorteil.

Wettbewerbsfähigkeit ein zentraler Faktor für den Homburger Werkleiter. Denn der Standort ist von den Kosten her unter Druck. Seit 2014 läuft ein Sparprogramm in dessen Folge im Homburger Werk 160 Stellen wegfallen sollen. „Das haben wir noch nicht ganz geschafft“, sagt Hess. Elf Stellen müssten bis Ende 2018 noch eingespart werden. Dann soll die Belegschaft auf 620 Mitarbeiter reduziert sein. „Bis Ende kommenden Jahres werden wir das Ziel erreicht haben“, sagt Hess. Und zwar, wie er betont, ohne betriebsbedingte Kündigungen. Stattdessen sollten Angebote wie beispielsweise frühzeitiges Ausscheiden mit 58 Jahren dies ermöglichen.

Um die Ausfälle zu kompensieren müsse die verbleibende Belegschaft intensiv qualifiziert werden, sagt Hess. Einerseits, wenn sie in andere Tätigkeiten wechseln, andererseits aber auch, um sie für die neue Technik zu schulen, die im Werk Einzug hält. Diese Technik mache es allerdings auch möglich, in einigen Bereichen Mitarbeiter zu sparen. Beispielsweise könnten ältere Hydraulik-Anlagen durch Nachrüstung mit Internet-Technik und Sensoren effizienter überwacht und Wartungszyklen so besser gesteuert werden. Im Werk setzt Bosch-Rex­roth diese Technik beispielsweise bei der Produkt-Prüfung ein und spart nach eigenen Angaben dadurch 20 Prozent Personalkosten und 25 Prozent Materialkosten, während die Anlagenverfügbarkeit um fünf Prozent steigt. Auch Kunden könnten von der neuen Technik profitieren, wenn bei ihnen ältere Anlagen durch die Nachrüstung Industrie-4.0-fähig werden.

Über die flexiblere Technik im Werk soll Bosch-Rexroth auch fit werden für neue Marktsegmente: Künftig sollen in Homburg auch Ventilblöcke für Baumaschinen und Kommunalfahrzeuge gefertigt werden. „Die Entwicklung findet aktuell in Nordamerika statt“, sagt Hess. Homburg soll dann als Leitwerk den Produktstart verantworten. Noch ist das Projekt in den Startlöchern: Im kommenden Jahr werde es die ersten Muster geben, der Anlauf werde dann 2019 losgehen. „Mit signifikanten Stückzahlen rechnen wir dann ab 2020“, sagt Hess. Zielmarkt ist vor allem der nordamerikanische Markt.

Unter diesem Gesichtspunkt mache ihm auch die Wirtschaftspolitik des US-Präsidenten Donald Trump Sorgen, der Produktionen für Amerika auch in den USA angesiedelt haben möchte. „Das ist für uns aber nicht zu leisten. Wenn wir Produktion bündeln, hat das damit zu tun, dass wir an den Standorten ausreichende Stückzahlen haben müssen, um entsprechende Skaleneffekte zu erzielen“, sagt er.

 Frank Hess, technischer Werksleiter Bosch Rexroth in Homburg
Frank Hess, technischer Werksleiter Bosch Rexroth in Homburg FOTO: Bosch-Rexroth / Bosch-RExroth