| 23:54 Uhr

Deutsches Tourenwagen-Masters
Ein Rennen für „den Rest des Lebens“

Misano. Der beinamputierte Alex Zanardi wird als Gast beim DTM-Lauf in Misano Fünfter. sid

Der „beste Witz des Wochenendes“ ließ Alex Zanardi auch spät in der Nacht noch breit grinsen. Der vermeintlich chancenlose Gaststarter war beim Nachtrennen des Deutschen Tourenwagen-Masters (DTM) in Misano mal eben auf Platz fünf gerast. Ohne viel Training, ohne Erfahrung im umgebauten BMW – und vor allem ohne seine Prothesen. „Dieses Wochenende“ in der italienischen Heimat, sagte der beinamputierte Ausnahme-Athlet, „werde ich für den Rest meines Lebens im Herzen tragen“.

Der 51-Jährige hatte seiner schier unglaublichen Sportler-Vita an der Adria soeben ein weiteres kleines Kapitel hinzugefügt, bei der Zieldurchfahrt sprach er selbst von einem Witz. Einem sehr guten allerdings. „Als ich hier angetreten bin, wollte ich bloß niemandem im Weg stehen“, sagte er: „Und jetzt war ich plötzlich sogar schneller als ein paar andere.“ In einem vom Regen stark beeinflussten Rennen profitierte er von der falschen Reifenstrategie zahlreicher Konkurrenten, brachte seinen BMW allerdings auch auf bemerkenswertes Tempo.

Dabei waren die beiden Rennen in Misano eine späte Premiere für den früheren Formel-1-Piloten. In einem Lauf der Champ-Car-Serie auf dem Lausitzring hatte Zanardi im September 2001 beide Beine verloren. Er saß danach zwar immer wieder in verschiedenen Rennautos, doch in Italien steuerte er den Boliden nun erstmals ohne seine Prothesen, Gas und Bremse waren am Lenkrad verbaut.



Ein völlig ungewohntes Gefühl also, den Boliden auf diese Weise am Limit zu bewegen. Dass es funktionierte, kam dann allerdings kaum überraschend. Neues hat Zanardi bislang nie abgeschreckt. Er habe es geschafft, „den Unfall in eine Chance zu verwandeln“, sagte er zuletzt der Tageszeitung „Die Welt“: „Denn all die Dinge, die ich seitdem machen kann, sind direkt mit diesem Unfall verbunden. Damit, dass ich keine Beine mehr habe.“

Nach dem fürchterlichen Vorfall in der Lausitz fand Zanardi im Handbike eine neue Berufung. Wie ein Besessener trainierte er das Fahren des mit den Armen betriebenen Rades und gewann bei den Paralympics 2012 in London zwei Mal Gold. Zunächst sollte es das gewesen sein mit der paralympischen Karriere. Doch irgendwie packte den Italiener erneut der Ehrgeiz, und er wiederholte das Kunststück 2016 in Rio.

Verglichen damit ist dieser „Witz“ von Misano eine ziemlich kleine Geschichte, doch sie passt bestens ins Bild. Denn hält Zanardi zwischendurch mal inne und schaut zurück auf das, was in den vergangenen 17 Jahren passiert ist in seinem Leben, dann ist eigentlich nie Wehmut zu erkennen. Nur Ehrgeiz und viel Lebensfreude. „Ich habe meine Beine verloren“, sagte er einmal, „aber nicht meinen Humor.“ Seinen Erfolgshunger auch nicht.