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Interview mit dem Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft Gerald Gaß
„Auf keinen Fall darf die Versorgung am Geld scheitern“

  Gerald Gaß hofft, notfalls auch auf Fachkräfte im Ruhestand zurückgreifen zu können .
Gerald Gaß hofft, notfalls auch auf Fachkräfte im Ruhestand zurückgreifen zu können . FOTO: picture alliance / Fotostand / dpa Picture-Alliance / Fotostand / Suhr
Berlin. Der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft sieht die Kliniken für den Corona-Ansturm weitgehend gerüstet – auch durch Zusagen der Bundesregierung. Von Stefan Vetter

Die Zahl der Corona-Infizierten in Deutschland steigt rasant. Wie sich die Kliniken auf den Ausnahmezustand einstellen, erklärt der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), Gerald Gaß, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Herr Gaß, in Deutschland gibt es 28 000 Intensivbetten. Reichen die aus, um der Seuche Herr zu werden?

GASS Das wird sich daran entscheiden, wie gut es gelingt, die Infektionsgeschwindigkeit in die Länge zu ziehen, um die Spitze der Anzahl der zu versorgenden Patienten zum gleichen Zeitpunkt möglichst niedrig zu halten.



Wie viele Betten sind jetzt schon wegen anderer Erkrankungen belegt?

GASS Die Intensivstationen sind im Jahresdurchschnitt zu 80 Prozent belegt. Von Klinik zu Klinik ist das jedoch sehr unterschiedlich.

Heißt das im Umkehrschluss, für die erwartete Verschärfung der Virus-Krise stehen letztlich nur etwa 5600 Betten zur Verfügung?

GASS Nein, so kann man nicht rechnen. Denn ein Teil der Patienten auf Intensivstationen wird dort nach planbaren Operationen behandelt. Diese lassen sich zum Teil verschieben, sodass verstärkt Kapazitäten für Corona-Patienten frei werden.

Mit ihrem jüngsten Beschluss, alle planbaren Operationen auf unbestimmte Zeit zu verschieben, rennen Bund und Länder bei Ihnen also offene Türen ein?

GASS Ja. Bei einer sich zuspitzenden Lage handeln die Kliniken ohnehin so. Entscheidend bleibt allerdings, ob eine Verschiebung medizinisch vertretbar ist oder nicht. Eine geplante Krebsoperation zum Beispiel kann zwingend notwendig sein. Dagegen kann ein geplantes Hüftimplantat eher verschoben werden. Hochbetagte Patienten bleiben in der Regel nach einem solchen Eingriff auch einige Zeit auf der Intensivstation, das ließe sich durch eine Verschiebung vermeiden.

Kliniken könnten trotzdem vor dem Problem stehen, mehr Schwerkranke als Intensivbetten zu haben. Was dann?

GASS Am Ende entscheiden immer die behandelnden Mediziner, ob ein Intensivbett nötig ist, oder ob die Versorgung des Patienten auch auf einer normalen Station mittels zusätzlicher Maßnahmen sichergestellt werden kann.

Gibt es überhaupt genug Klink-Personal für einen Corona-Worst-Case?

GASS Auch dazu soll ja die Einschränkung des Regelbetriebs dienen. Auf diese Weise wird Personal aus anderen Bereichen zur Unterstützung frei. Fachschwestern und Fachkrankenpfleger für die Intensivmedizin lassen sich allerdings nicht beliebig vermehren. Wir werden in der weiteren Entwicklung auch auf Fachkräfte zugehen, die zum Beispiel vor kurzem in den Ruhestand gegangen sind.

Fühlen sich die Kliniken in dieser angespannten Phase ausreichend von der Politik unterstützt?

GASS Im Prinzip ja. Wir haben zum Beispiel die Zusage des Bundesgesundheitsministers, dass kurzfristig eine Verteilung von Schutzbekleidung für das Klinikpersonal aus den zentralen Lagerbeständen erfolgt. In manchen Kliniken ist die Schutzkleidung sehr knapp geworden. Wenn die Politik jetzt von einem Schutzschirm für die Krankenhäuser spricht, so verstehen wir darunter, dass die finanziellen Mehrbelastungen für den stationären Bereich schnell und unbürokratisch ausgeglichen werden. Auf keinen Fall darf die medizinische Versorgung am Geld scheitern. Mir macht aber noch etwas anderes Sorgen...

Was ist das?

GASS Wenn jetzt flächendeckend Schulen und Kitas geschlossen werden, dann muss die Politik dafür sorgen, dass das medizinische Personal trotzdem seiner Arbeit nachgehen kann. Eine Notbetreuung der Kinder von Ärzten, Schwestern und Pflegern ist dringend erforderlich.