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Neu im Kino
Auf dem Eis gefeiert, im Leben gescheitert

Lange umschwärmt, dann verachtet: Tonya Harding (Margot Robbie ) im Presserummel.
Lange umschwärmt, dann verachtet: Tonya Harding (Margot Robbie ) im Presserummel. FOTO: DCM
Bonn. „I Tonya“ erzählt die Lebensgeschichte der Eiskunstläuferin Tonya Harding, deren Ehemann einen Anschlag auf deren Konkurrentin initiierte.

Fans des Eiskunstlaufs werden sich vielleicht an Tonya Harding erinnern, die 1991 als erste Frau mit einem dreifachen Axel Geschichte machte. Wenige Jahre später fiel sie aber in Ungnade, nachdem sie beschuldigt wurde, an einer heimtückischen Attacke gegen ihre Rivalin Nancy Kerrigan beteiligt gewesen zu sein. Von da an ging es in Hardings Leben nur noch abwärts. Wer sie sehen wollte, musste zu billigen Frauenboxkämpfen gehen.

Über die Sportlerin würde niemand mehr sprechen, wenn es jetzt nicht diesen Film gäbe, der morgen im Kino startet. Der Drehbuchautor Steven Rogers und Regisseur Craig Gillespie haben sich daran versucht, etwas scheinbar Unmögliches zu tun: die pseudodokumentarisch verfilmte Lebensgeschichte von Tonya Harding gleichzeitig als realistisches Drama und als Komödie zu erzählen. Das Resultat ist ein emotionales Wechselbad, aber auch eine Art Biografie des unterprivilegierten Amerikas.

Der ungewöhnliche Stil des Films wird gleich zu Beginn durch ein Bekenntnis seiner Urheber verdeutlicht. Auf einer Titelkarte heißt es: „Der Film basiert auf ironiefreien, sich wild widersprechenden und total wahren Interviews mit Tonya Harding und Jeff Gillooly“, dem Ehemann von Harding. Selbstbekenntnisse der unzimperlichen und wenig selbstkritischen Sportlerin, von Margot Robbie mit allem Aplomb einer wandlungsfähigen Darstellerin gespielt, durchziehen den ganzen Film. Die Dramaturgie folgt Hardings Lebensgeschichte von der Kindheit über ihre großen Erfolge auf dem Eis bis in die Hölle der allgemeinen Verachtung.



Der Film lässt keinen Zweifel daran, dass auch ihre frühe Jugend und die Jahre des Ruhms für Harding oft unerträglich waren. Glaubt man ihm, und es gibt kaum Gründe, das nicht zu tun, so war daran hauptsächlich ihre Mutter schuld, die das Mädchen von klein auf um der Befriedigung ihres eigenen Ehrgeizes willen tyrannisierte und in eine Karriere als Eiskunstläuferin getrieben hat. Die äußeren Umstände, unter denen die kleine Tonya aufwuchs, waren kaum geeignet, daran etwas zu ändern.

In einem Milieu, in dem Gewalttätigkeit und Alkohol zum Tagesablauf gehörten, gab es keine Gelegenheit für eine „behütete Kindheit“. So wuchs Harding zu einer stets schimpfenden Jugendlichen heran, die bald an einen sie misshandelnden Kerl geriet, der ihr Leben auch nach der Heirat noch weiter in den Abgrund trieb, denn er war es, der den hinterlistigen Eisenstangen-Angriff auf Nancy Kerrigan ausheckte.

Nun scheint Tonya Harding durchaus nicht nur Opfer gewesen zu sein. Der Film stellt sie jedenfalls als eine Frau dar, die in jedem Alter bereit und in der Lage war, ebenso unnachsichtig Verachtung und Gewalt auszuteilen, wie sie diese von ihrer Umwelt empfing. Sie war alles andere als die liebliche Eisprinzessin. Auch deshalb hatte sie es bei den Juroren schwer, Sympathie zu finden. Vielleicht war das auch der Grund, warum sie die Gunst des Publikums verlor und schließlich sogar ganz von der Ausübung ihres Sports ausgeschlossen wurde.

Das alles hätte sich als Tragödie in Szene setzen lassen. Unterschwellig ist die Tragik dieses Schicksals auch stets spürbar. Aber Rogers und Gillespie haben aus der traurigen und boshaften Geschichte einen Film gemacht, der den Hauptakzent auf die zerstörerischen Einflüsse einer Umgebung legt, in der Menschlichkeit und Menschenwürde nur noch in ihren primitivsten Formen zu existieren scheinen. Selbst die mit großer Kunstfertigkeit gestalteten Episoden auf dem Eis, in denen Harding mit all ihrem Können und auch in ihrer psychischen Verwundbarkeit gezeigt wird, schlagen immer wieder in Zerrbilder einer verdienten, aber unter unzähligen seelischen Verletzungen erlittenen Karriere um.

Erträglich und sogar unterhaltsam gemacht wird diese Story allenfalls als Farce. „I, Tonya“ ist eine unablässig mit der Wahrheit jonglierende Mixtur aus scharfzüngigem Witz und unverstellter Anklage, bei der sich Lachen und Zorn binnen Sekunden ablösen. Erst im letzten Drittel entgleitet die Geschichte, weil es Autor, Regisseur und der Darstellerin nicht mehr gelingt, die Verschwörung gegen Nancy Kerrigan vor dem Einbruch des standardisierten Ganovenfilms zu bewahren.

Läuft ab morgen in vielen Kinos. Weitere Filmkritiken morgen im treff.region