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Girechenland-Rettung
Athens Neustart macht auch Sorgen

Brüssel/Berlin. Seit gestern steht Griechenland wieder auf eigenen Füßen. Das Ende der Rettungspakete wird aber von großer Skepsis begleitet. Von Detlef Drewes und Werner Kolhoff

Jean-Claude Juncker gab ein großes Versprechen ab. „Wenn die Griechen nun ein neues Kapitel in ihrer bewegten Geschichte beginnen, werden sie in mir immer einen Verbündeten, Partner und Freund finden“, sagte der EU-Kommissionspräsident gestern in Brüssel. Gut neun Jahre nach dem Ausbruch der Krise, drei Rettungspakete und Darlehen über 289 Milliarden Euro später steht Athen wieder auf eigenen Füßen. „Für Griechenland und seine Menschen ist das der Anfang eines neuen Kapitels nach besonders schweren Jahren“, erklärte EU-Währungskommissar Pierre Moscovici. Dies sei auch ein „Schlussstrich“ unter eine „existenzielle Krise für die Euro-Zone“. Am Wochenende hatte sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) ähnlich geäußert: „Die düsteren Prophezeiungen der Untergangspropheten sind nicht eingetreten.“ Er fügte hinzu: „Ich finde, die Rettung Griechenlands sollte uns Mut machen, die Aufgaben, die jetzt vor der EU liegen, zügig anzupacken.“ Klaus Regling, Chef des Euro-Notfallfonds ESM, betonte: „Wir wollen, dass Griechenland eine Erfolgsstory wird.“

Doch echte Freude über das Erreichte wollte gestern nicht aufkommen. Mario Centeno, Chef der Eurogruppe, äußerte sich skeptisch: „Es hat viel länger gedauert als gedacht, aber ich glaube, wir haben es geschafft.“ In Berlin bei der Unionsfraktion klingt es noch zurückhaltender. Zwar hätten die Hilfsprogramme das Land stabilisiert, sagte Finanzexperte Hans Michelbach (CSU). Doch sei Griechenland „keineswegs über den Berg“. Wenn keine weiteren Reformen folgten, könne es bald wieder in den Krisenmodus zurückfallen. Drastisch äußerte sich Giannis Varoufakis, der umstrittene einstige Finanzminister der Hellenen, der mit seiner Blockade 2015 das dritte Hilfspaket nötig gemacht hatte. „Griechenland steht am selben Punkt, im selben schwarzen Loch und es versinkt jeden Tag tiefer darin“, sagte er. „Wir haben jetzt nur mehr Zeit, um noch mehr Schulden zurückzuzahlen.“ Tatsächlich fallen die Daten unterschiedlich aus. Auf der einen Seite meldet das Athener Finanzministerium ein Wachstum für 2017 in Höhe von rund 1,4 Prozent. Auf der anderen Seite musste Finanzminister Euklid Tsakalatos am Ende vergangener Woche für zehnjährige Staatsanleihen 4,3 Prozent Zinsen zahlen. Vor einem Monat waren es noch 3,8 Prozent. An den Finanzmärkten ist es mit Vertrauen offenbar nicht so weit her.

Das Freiburger Centrum für europäische Politik kommt ebenfalls zu keinem günstigen Fazit: Demnach beruht das Wirtschaftswachstum vor allem auf höherem Konsum der Hellenen, nicht aber auf dringend benötigten Zunahmen beim Export. Die fatale Bilanz: „Das Land konsumiert 107 Prozent seines verfügbaren Einkommens und lebt damit im 13. Jahr in Folge über seine Verhältnisse.“ Für Alexander Graf Lambsdorff, lange Jahre Vizepräsident des EU-Parlaments und inzwischen FDP-Bundestagsabgeordneter, ist Griechenland deshalb nur „auf Bewährung raus“.



Die Hellenen beginnen die neue Zeitrechnung ohne „Stütze“ der EU nach herben Einbußen. Mehr als ein Viertel ihres Einkommens haben die meisten Bewohner verloren, jeder Fünfte ist ohne Job, fast 400 000 gut ausgebildete, meist junge Menschen, darunter viele Ärzte und Ingenieure, sind ausgewandert. Die Staatsverschuldung liegt noch immer bei 180 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung. „Die Frage ist“, sagte ein hochrangiger EU-Diplomat, „ob Griechenland die schweren Zeiten wirklich hinter sich oder erst noch vor sich hat“.