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Relegation zur 3. Liga
Angespannte Löwen vor dem Höhepunkt

Die Fans von 1860 München stehen auch in Krisenzeiten zu ihrem Club. Die Heimspiele im Stadion an der Grünwalder Straße sind ein Spektakel.
Die Fans von 1860 München stehen auch in Krisenzeiten zu ihrem Club. Die Heimspiele im Stadion an der Grünwalder Straße sind ein Spektakel. FOTO: dpa / Tobias Hase
Saarbrücken. Der TSV 1860 München drängt zurück in den Profifußball. Die Mannschaft schottet sich vor den Aufstiegsspielen gegen den FCS ab. Von Patric Cordier

„München ist blau!“ Das sagte ein Ordner in der Münchner Arena 2013 am Rande des Relegationsspiels zur 3. Liga zwischen der U23 des TSV 1860 München und der SV Elversberg. 14 500 Zuschauer erlebten damals den Aufstieg der SVE. Dass in dieser Woche die erste Mannschaft der Löwen gegen den 1. FC Saarbrücken um die Rückkehr in diese 3. Liga spielt, zeigt den sportlichen Niedergang von „Münchens großer Liebe“.

Wie der FCS gehörten die Blauen 1963 zu den Gründungsmitgliedern der Bundesliga. Der verhasste, mittlerweile aber um Welten erfolgreichere Nachbar FC Bayern war damals noch zweitklassig. Nach dem Erreichen des Endspiels im Europapokal der Pokalsieger 1965 (vor fast 100 000 Zuschauern gegen West Ham United) errangen die Löwen 1966 die erste und einzige deutsche Meisterschaft. Danach folgte ein ständiges Auf und Ab, eigentlich wie beim FCS, nur ein, zwei Nummern größer und immer mit der Tendenz nach unten.

1994 erlebten die Fans kurzfristig die Rückkehr in die Bundesliga, aber nur, um danach wieder leiden zu müssen. Den Umzug von der Grünwalder Straße in das WM-Stadion nach Fröttmaning hatten sie nie wirklich akzeptiert, die Ausgliederung der Profis 2002 brachte nicht den gewünschten Erfolg, Skandale um Ex-Präsident Karl-Heinz Wildmoser erschütterten den Club.



Der als Heilsbringer gefeierte jordanische Investor Hassan Ismaik wird mittlerweile deutlich kritischer gesehen. Er spaltet den Club. 2011 hat Ismaik die Löwen vor der Insolvenz gerettet – mit unglaublichen 18,5 Millionen Euro. Mittlerweile soll er um die 70 Millionen investiert haben. Nachhaltiger Erfolg blieb aus, das Führungspersonal wechselt ständig. In der vergangenen Saison wurden große Namen wie Stefan Aigner und Ivica Olic verpflichtet, um in der 2. Liga zu bleiben. Im Winter kam der Portugiese Vitor Pereira mit einem riesigen Trainerstab. Doch die Runde endete in einem Fiasko. Sportlich stieg 1860 in die 3. Liga ab. Doch dort bekam der Verein nicht die Lizenz und musste deshalb in der Regionalliga über die bayerischen Dörfer tingeln.

Vergangene Woche gab es eine erneute Sitzung der Kommanditgesellschaft auf Aktie, um mit dem Investor über eine weitere Zusammenarbeit zu verhandeln. „Ismaik hat die bestehenden Darlehen vorerst gestundet“, erzählt Florian Fussek, der für die Münchner Tageszeitung das Geschehen bei den Löwen verfolgt: „Dadurch ist der Verein zumindest vorerst von einer weiteren Insolvenz verschont. Auf weitere Finanzspritzen für den Etat der kommenden Saison konnte man sich nicht einigen.“ Laut Medienberichten soll der in der 3. Liga nur drei Millionen Euro betragen.

Die Stimmung vor den Aufstiegsspielen gegen den FCS am Donnerstag und Sonntag ist durchaus angespannt. Der TSV 1860 sieht sich klar in der Außenseiterrolle. Wohl auch, um bei einem Scheitern die Fallhöhe zu minimieren. Trainer Daniel Bierofka hat sein Team völlig abgeschottet. Das Training findet seit Tagen nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Interviews gibt es wenn, dann nur handverlesen.

Die Sechziger sind gestern angereist und haben in einem Saarbrücker Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofs Quartier bezogen. Nach SZ-Informationen soll das Training in Homburg-Erbach stattfinden. „Wir haben uns überlegt, wie wir gegen Saarbrücken spielen wollen. Jede Mannschaft hat ihre Stärken und Schwächen“, sagt Sportdirektor Günther Gorenzel: „Wir wollen unseren Spielern Säulen-Kriterien an die Hand geben, an denen sie sich im Spiel orientieren können. Es ist naheliegend, dass wir die vorher nicht breittreten wollen.“

Nach dem Hinspiel morgen Abend in Völklingen (17.30 Uhr, Hermann-Neuberger-Stadion) hat es der Tross dann eilig: Man will den Abendflieger in die bayerische Landeshauptstadt noch erreichen.

In den letzten drei Jahren schafften mit Jahn Regensburg, den Würzburger Kickers und der SpVgg. Unterhaching drei Vertreter der Bayern-Liga den Sprung in Liga drei. Und auch wenn die Löwen die Favoritenrolle gerne Richtung FCS weitergeben – Laufkundschaft ist der Bayern-Meister nicht. Die Löwen, seit dieser Saison auch wieder im eigenen Stadion an der Grünwalder Straße zuhause, leben von ihrer individuellen Stärke. Vorne haben sie mit Sascha Mölders und Markus Ziereis zwei echte Knipser. Die machen oft den Unterschied aus, wenn es spielerisch nicht klappen will. Spielmacher Timo Gebhart wird schmerzlich vermisst. Er fällt seit Monaten wegen Problemen an der Achillessehne aus. Eine Stärke der Löwen sind die Standards: Mit Mölders und Jan Mauersberger hat 1860 viel Wucht im Strafraum. Defensiv präsentiert sich die Mannschaft von Bierofka meist stabil. Das ist ein großer Verdienst von Torhüter Marco Hiller.

„Gegen Saarbrücken brauchen wir zwei sehr gute Tage, um aufzusteigen“, sagt Bierofka, der bei den Fans ähnlich beliebt ist wie Dirk Lottner beim FCS. Während Lottners Vertrag ausläuft, bleibt Bierofka ein Löwe, will nächste Saison seinen Fußball-Lehrer machen. Den braucht er aber nur in der 3. Liga, für die Regionalliga reicht die A-Lizenz.

Investor Hasan Ismaik spaltet den Verein.
Investor Hasan Ismaik spaltet den Verein. FOTO: dpa / Andreas Gebert