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Vor 3000 Fans im Trierer Amphitheater
Amy Macdonald in Trier: Nie klang Schottisch schöner

Trier. Überraschend erblondet, wundervoll harmonisch und auch extrem druckvoll reißt Amy Macdonald 3000 Zuschauer im Trierer Amphitheater mit. Von Jörg Pistorius

Schotten sind geizig, sagt der Volksmund. Das ist wahrscheinlich totaler Blödsinn, aber das Klischee hält sich seit Jahrzehnten. Wer aber die schottische Sängerin und Songschreiberin Amy Macdonald live sieht und hört, kann wunderbar kontern. Es ist mir völlig egal, ob sie geizig ist oder nicht, würde dieser Zuschauer sagen. Solange sie noch ein bisschen länger in diesem hinreißenden Akzent plaudert.

Amy Macdonald ist tatsächlich die wohl erfolgreichste Vertreterin des schottischen Englisch. Dieser normalerweise breite und gutturale Akzent klingt bei ihr elfenhaft niedlich. 3000 Fans im Trierer Amphitheater hören verzaubert zu, wenn sie erzählt, dass deutsche Fußballfans über das frühe WM-Aus nicht traurig sein sollen, Schottland sei schließlich 1998 zum letzten Mal bei einer Fußball-WM dabei gewesen. „Wenn ihr euch jetzt bis 2038 nicht mehr qualifiziert, wisst ihr, wie es uns seit 20 Jahren geht.“

Die 30-jährige Schottin beherrscht ihre Bühne mit spielerischer Leichtigkeit. Der Teenie mit der schwarzen Gothic-Mähne, der 2007 mit dem Song „This is the Life“ an die Spitze der meisten europäischen Charts stürmte, ist verschwunden. Heute, vier sehr erfolgreiche Studioalben später, steht hier eine souveräne Künstlerin, die Harmonie so intensiv ausstrahlt wie die Sonne eine Hitzewelle. Und sie ist plötzlich blond. Darüber verliert sie übrigens kein Wort.



Mit dem Titel „Under Stars“ vom gleichnamigen 2017er Album startet sie ihr Trierer Konzert. Der Sound ist für ein Open Air mitten in einem Wohngebiet herausragend und macht trotz gedrosselter Lautstärke mächtig Druck. Ein weiterer Beweis, dass das römische Denkmal eine großartige Bühne für ein Open Air ist. Auch die Band Toto („Africa“) hat hier gespielt – vor 18 Jahren.

Es ist für einen Zuhörer sehr leicht, Zugang zu finden zur Musik der jungen Schottin. Ihre Alt-Stimme ist gewaltig, ihre Melodien sind eingängig, getragen von einer Art grundsätzlicher Heiterkeit, auch wenn es mal leise wird wie bei „It’s never too late“ oder „Prepare to fall“, der ihrer Mutter gewidmeten Ballade, die zu den Zugaben gehört.

Die aus einem Vorort von Glasgow stammende Macdonald spielt keinen typischen Folk von der Insel. Ihre Musik ist eine sehr gut funktionierende Kombination aus Folk, Pop und Rock’n’Roll. Wie gut diese Kombination funktioniert, zeigt kein Song besser als „This is the Life“, der ihr Durchbruch war und bis heute größter Hit ist. Das Stück kommt nach einer Stunde, und die Wirkung ist enorm. Das Publikum im Amphitheater tanzt und singt mit, es gibt kein Zögern, keine Distanz, keine Reserviertheit.

Mit dem langsamen „Down by the Water“ und „Let’s start a Band“, das wie ein Zwilling von „This is the Life“ klingt, beendet Macdonald schließlich nach 90 Minuten inklusive Geplauder den Abend in Trier. Ein starker Auftritt, der lange in Erinnerung bleiben wird.