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Fußball-WM in Russland
Akinfejew, der russische Volksheld

Moskau. Der Torhüter bringt den Gastgeber der Fußball-WM im Elfmeterschießen gegen Spanien ins Viertelfinale. Von Jana Lange und Tobias Schwyter, sid

Ein russischer Traum ist wahr geworden: Die Sbornaja hat im Achtelfinale ihrer Heim-WM ein kleines Wunder vollbracht und Spanien, den klar favorisierten Weltmeister von 2010, mit 4:3 im Elfmeterschießen niedergerungen. Nach 120 enttäuschenden Spielminuten hatte es 1:1 (1:1, 1:1) gestanden. Vor allem Spanien spielte erschreckend behäbig und setzte eine schwarze Serie fort. Gegen den Gastgeber eines großen Turniers hat die „Furia Roja“ in ihrer erfolgreichen Geschichte noch nie gewonnen. „Das ist einer der schwierigsten Momente in meiner Karriere“, sagte Spaniens Abwehrchef Sergio Ramos.

Das mit 78 011 Zuschauern ausverkaufte Luschniki-Stadion von Moskau erbebte, als Torwart Igor Akinfejew den entscheidenden Elfmeter gegen Iago Aspas hielt. „Wir haben zwei Jahre hart dafür gearbeitet und einen großartigen Job gemacht“, sagte Trainer Stanislaw Tschertschessow mit Tränen in den Augen. Artem Dschjuba (41.) per Handelfmeter hatte in der ersten Halbzeit das Eigentor von Alexander Ignaschewitsch (12.) ausgeglichen. In der Verlängerung durften sich die Russen bei Akinfejew bedanken, der seinen müden Mitspielern gegen den eingewechselten Rodrigo (109.) das 1:1 rettete. Im Viertelfinale am Samstag (20 Uhr) setzt sich am Schwarzen Meer in Sotschi die russische WM-Party gegen Kroatien oder Dänemark fort.

„Ihr seid geboren, um Träume wahr werden zu lassen“, stand vor Spielbeginn im Fanblock auf einer riesigen russischen Flagge – und tatsächlich gelang das „kleine Wunder“, wie Dschjuba die große Überraschung im Vorfeld bezeichnet hatte. Für den Stürmer war es „das Spiel unseres Lebens“, und so traten die Hausherren gegen ratlose Spanier auch auf. Deren Leistung erinnerte frappierend an die leblosen Vorstellungen der deutschen Weltmeister. Die erste Niederlage seit dem EM-Achtelfinale 2016 war die logische Folge.



In den vorangegangenen drei Begegnungen beider Mannschaften hatten die Spanier zehn Treffer erzielt, der erste am Sonntag ließ nicht lange auf sich warten. Den Ball ins Tor aber lenkte Ignaschewitsch während eines Ringkampfs mit Sergio Ramos. Zuvor hatte Marco Asensio, der überraschend für Altmeister Andres Iniesta spielte, einen Freistoß gefährlich vor das Tor gezogen. Für die Spanier war die Führung beruhigend, denn das Spiel der Russen war unbehaglich. Immer wieder unterbrachen die Gastgeber den Aufbau durch Fouls, wenig überraschend versuchten sie bei eigenem Ballgewinn, schnell umzuschalten.

Dschjuba sorgte dafür, dass der Traum der Russen wieder erwachte. Erst köpfte er Gerard Piqué den Ball an den ausgestreckten Arm, danach verwandelte er den Strafstoß. Sein Schuss war der siebte auf das Tor von David De Gea – und der sechste, den dieser nicht abwehren konnte. Fünf Gegentreffer hatte Spanien in der Vorrunde kassiert – kein Zeichen für eine gute Defensivarbeit.

König Felipe VI., extra aus Madrid angereist, wunderte sich auch über die Offensive: Wo war das weltweit gefürchtete Tiki-Taka, wo war Stürmer Diego Costa, der bis zum Achtelfinale drei Turniertore erzielt hatte? Stattdessen sah der Monarch Standfußball, daran änderte auch die Einwechslung von Iniesta wenig. Und so endete für den Titelfavoriten eine WM, die schon mit der Entlassung von Trainer Julen Lopetegui völlig verkorkst begonnen hatte.