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Fußball-Weltmeisterschaft
Deutschland und die WM der verpassten Chancen

Die Franzosen werden das ganz anders sehen, Kroaten, Belgier, Engländer gewiss auch, aber als jahrzehntelanger Fußballfan muss man sagen: Diese Weltmeisterschaft wird als historisch langweilig in die Geschichte eingehen. Von Thomas Schäfer

Bis auf wenigen Ausnahmen waren die Spiele von überschaubarer Güte, die Stars in den wichtigen Momenten blass und die erhoffte Dramatik erst in den Elfmeterschießen spürbar. Und natürlich hat das deutsche Debakel den Spaßfaktor reduziert.

Spaß, Ausgelassenheit, Vorfreude auf ein Fest der Völker, all das gab es hierzulande schon vor dem ersten Anpfiff anders als früher kaum. Fußball-Dauerfeuer auf allen Kanälen, Gigantomanie und Korruption bei der Fifa, dazu die WM in einer Quasi-Diktatur – wie soll da Stimmung aufkommen? Und sollte es hier und da doch ein zartes Pflänzchen Euphorie gegeben haben, wurde es in Deutschland von einer gewaltigen Erdogan-Debatte plattgewalzt, die der DFB vollkommen unterschätzt und bis heute nicht unter Kontrolle gebracht hat. Auch nicht mit der bitteren Attacke von Oliver Bierhoff, der den wirklich grauenhaft schlechten Mesut Özil zum großen Sündenbock stempelte nach dem Motto: Wenn‘s schiefgeht, ist der Ausländer schuld.

Damit rückt Bierhoff nah ran an Typen wie AfD-Chef Alexander Gauland, der ja darüber schwadronierte, dass niemand einen Boateng als Nachbarn haben wolle. Und an Horst Seehofer. Dass der Bundesinnenminister ausgerechnet während der WM zu seinem politischen Kamikazeflug in der Asylfrage abhob, offenbarte eine erstaunliche Parallele zwischen Nationalelf und Nation. 99 von 100 Ländern hätten gern unsere Probleme, wir haben Talente en masse und riesige Chancen, doch statt diese Chancen zu nutzen, lähmen wir uns mit kraftraubenden Debatten über die bösen Ausländer.



Dazu kommt, dass jahrelange Erfolge Land und Mannschaft müde und satt gemacht haben, teilweise überheblich. Sich ohne Leidenschaft, ohne Biss auf alte Stärken zu verlassen, das funktioniert auf Dauer nicht, das hat diese WM gezeigt. Und vor allem: Ohne Teamgeist, ohne Solidarität kann man nichts erreichen, weder auf noch außerhalb des Platzes.

Es dürfte eine der Hauptaufgaben des alten und neuen Bundestrainers sein: Joachim Löw muss aus einer Vielzahl teils überragender Einzelkönner eine Einheit bilden. Philipp Lahm, vor vier Jahren Kapitän der Helden von Rio, hat Löw dieser Tage einen bemerkenswerten Ratschlag gegeben. Die heutigen Spieler, die fast alle in Leistungszentren ausgebildet wurden, einem System, das sie zwangsläufig zu Egoisten mache, bräuchten klare Ansprachen. Löw müsse „Individualisten klarmachen, dass sie Verantwortung für die gesamte Mannschaft tragen“. Das ist das eigentliche Thema, nicht Haarfarbe und Herkunft: Die millionenschweren Fußballstars, mehr Kunstfigur als Mensch aus Fleisch und Blut, unnahbar für den normalen Fan, leben ein Leben in einer anderen Welt. Sie merken nicht, wenn sie Mist bauen, vielleicht ist es ihnen auch egal. Die WM ist vorbei. Deutschland hatte unglaublich viele Chancen, sie wurden fast alle vertan. Es sagt so viel über dieses Land. Leider.