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Diesel-Betrug und neuer Chef
Volkswagen muss viel härter um Vertrauen kämpfen

Die Ablösung von VW-Chef Matthias Müller ist der vorläufige Höhepunkt einer bisher beispiellosen Vertrauenskrise, in die sich Deutschlands größter Autohersteller selbst manövriert hat. Ein Ende ist auch mit der Bestellung des als entscheidungsstark und durchsetzungsfähig geltenden Nachfolgers Herbert Diess noch lange nicht in Sicht. Von Thomas Sponticcia

Denn zuallererst hat Volkswagen ein massives Imageproblem. Ex-Chef Müller hat es noch vergrößert mit seiner öffentlich zur Schau gestellten Lässigkeit bezüglich seines Zehn-Millionen-Jahresgehalts. Dabei geht es nicht einmal um die Frage, ob solche Zahlungen in Relation zur Verantwortung gegenüber 650 000 Mitarbeitern weltweit sowie den Erhalt und den Ausbau der Wettbewerbsposition des Unternehmens gerechtfertigt sind. Sondern es geht um das mangelnde Feingefühl gegenüber all den Menschen, die sich ihren Lebensunterhalt hart verdienen und für ein Auto lange sparen müssen – ob es nun von Volkswagen kommt oder der Konkurrenz.

Völlig unsensibel hat VW bisher auch gegenüber all den Käufern reagiert, die ihren Diesel ganz bewusst auf der Basis großen Vertrauens in den Technologievorsprung der Wolfsburger erworben haben. Vertrauen, das nicht nur durch den von VW selbst verschuldeten Diesel-Skandal zerstört wurde. Sondern auch dadurch, dass dessen Folgen bisher die Autofahrer in Deutschland zum Großteil alleine ausbaden müssen durch einen hohen Wertverlust ihres Fahrzeugs, für das nun auch noch Fahrverbote drohen.

Hinzu kommt eine unglaublich schlechte Kommunikation des Unternehmens gegenüber der Öffentlichkeit. Die weitgehende Sprachlosigkeit legt den Verdacht nahe, dass es bisher kaum überzeugende Antworten auf die drängendsten Fragen gefunden hat: Wie zukunftsfähig ist der Diesel überhaupt noch? Welche Konzepte hat Volkswagen für Zukunftstechnologien am Start? Wie stark wird die Elektromobilität überhaupt in Deutschland werden? Welche Rolle misst VW dem Thema autonomes Fahren bei? Und mit welchen Ideen will man auf den Trend reagieren, dass gerade für junge Menschen das Auto als Mobilitätsbringer und Statussymbol immer weiter an Bedeutung verliert? Auf all diese Fragen hat man aus Wolfsburg in letzter Zeit so gut wie nichts gehört. Und auch in der Modellpolitik hat Volkswagen in jüngster Zeit wenig Fantasie an den Tag gelegt.



Dem neuen Chef Diess darf man nach seinem bisherigen Werdegang zutrauen, dass er den Umbau des Volkswagen-Konzerns massiv beschleunigt und schnell die Zukunftstrends besetzt, zumal er schon im BMW-Vorstand erfolgreich gearbeitet hat. Diess wird auch ein gutes Verhältnis zu den Familien Porsche und Piech nachgesagt, die in Wolfsburg entscheidende Fäden ziehen. Ob es auch gelingt, die Belegschaft mitzureißen und zu begeistern, bleibt offen. Sie ist der wichtigste Baustein zum Erfolg, zumal sie mit dem Betriebsrat bei Volkswagen über eine besonders starke Stütze verfügt. Ohne den Betriebsrat läuft bei VW nichts. Wie es aussieht, hat Diess erst einmal einen Vertrauensvorschuss. Wie lange der wohl hält?