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Ein Gift gegen den Drahtwurm ist seit diesem Jahr nicht mehr zugelassen



Mainz
Bauern fürchten um Kartoffelernte
Ein Gift gegen den Drahtwurm ist seit diesem Jahr nicht mehr zugelassen

Von dpa-MitarbeiterinMeike Hickmann, 03.03.2016 02:00
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Ein Landwirt kontrolliert auf einem Feld den Zustand seiner Kartoffeln. Den rheinland-pfälzischen Bauern macht in diesem Jahr der Drahtwurm besondere Sorgen. Foto: Marijan Murat/dpa Foto: Marijan Murat/dpa
Der Drahtwurm treibt Kartoffelbauern Sorgenfalten auf die Stirn. Sie fürchten um ihre Ernte – denn ein Pestizid, mit dem sie dem Schädling bislang zu Leibe gerückt sind, darf nicht mehr verwendet werden.
Der Drahtwurm könnte den Pfälzer Kartoffeln dieses Jahr besonders gefährlich werden. Denn ein Gift, mit dem der Schädling bislang von Bauern bekämpft wurde, ist seit diesem Jahr verboten. „Wie schlimm das wird, ist Spekulation“, sagte Peter Schmitt von der Erzeugergemeinschaft der Pfälzer Kartoffeln in Neustadt/Weinstraße. „Uns fehlen jetzt Bekämpfungsmöglichkeiten.“

Konkret geht es um „Goldor Bait“, das seit diesem Jahr nicht mehr zugelassen ist. In den Jahren 2010 bis 2015 hatte der Hersteller BASF nach eigenen Angaben jedes Jahr eine beschränkte Zulassung für Notfallsituationen erhalten. Damit war „Golder Bait“ für eine 120-Tage-Anwendung zur Bekämpfung des Drahtwurms in der Kartoffel erlaubt. Nach einer sechsjährigen Phase der Notfallgenehmigungen seien weitere gesetzlich nicht mehr möglich gewesen.

Es gab anschließend von den Behörden folgerichtig keine sogenannte Regelzulassung für „Goldor Bait“. Grund war nach Angaben des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL), dass der Rückstand von Pestiziden in Kartoffeln von diesem Jahr an nur noch halb so hoch sein darf wie bislang. Diese neuen Grenzwerte könne man bei der Anwendung von „Goldor Bait“ nicht einhalten, teilte BASF mit.

„Es wäre wünschenswert gewesen, das Gift solange zuzulassen, bis es ein anderes gibt“, sagte Schmitt von der Erzeugergemeinschaft. Für späte Kartoffelsorten darf zwar das Gift „Nemathorin 10 G“ mit einem anderen Wirkstoff verwendet werden. In der Pfalz werden jedoch hauptsächlich Frühkartoffeln angebaut. Da fehle es an einer wirksamen Alternative.

Die rheinland-pfälzische Landesregierung will sich nach Angaben des Umweltministeriums für die Entwicklung nicht-chemischer Alternativen einsetzen. Zum Beispiel könnten bestimmte Senfsorten bei ihrer Zersetzung im Boden Drahtwürmer töten. Bisher läge der Wirkungsgrad dieser sogenannten Biofumigation aber nur bei 50 Prozent.

Auch der „Bodenpilz“ stecke noch im Versuchsstadium. Dabei wird ein für den Drahtwurm krankheitserregender Pilz in einen Köder verpackt. Das könnte auch im Bioanbau verwendet werden. Es dauere jedoch noch ein paar Jahre, bis das Produkt einsatzfähig sei. Ansonsten empfiehlt das Ministerium, den Boden mit Fräsen zu bearbeiten und mit Kalkstickstoff zu düngen.

Drahtwürmer sind Larven von Käfern aus der Familie der in Deutschland heimischen Schnellkäfer. Allerdings sind nach Angaben des Umweltministeriums weitere Arten aus Südeuropa eingewandert, die sich schneller vermehren. Vor der Verwendung von „Goldor Bait“ hätten 20 bis 30 Prozent der Kartoffeln ausgelesen werden müssen. Sieben Prozent Auslese seien für Kartoffelbauern gerade noch wirtschaftlich.

Schon 2013 stufte die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit nach Ministeriumsangaben den Wirkstoff Fipronil, der in „Goldor Bait“ ist, als gefährlich für Honigbienen ein. „Meiner Ansicht nach wäre das nicht notwendig gewesen, das Mittel macht der Bienenzucht kaum Probleme“, sagte Andreas Köhr vom Bauern- und Winzerverband Rheinland-Pfalz Süd. Wenn man die Auflagen zum Gebrauch des Pflanzenschutzmittels beachte, schade es Bienen nicht.

Auch der Naturschutzbund Rheinland-Pfalz (Nabu) hält das Gift im Kartoffelanbau für nicht so gefährlich. Das liege daran, dass die Kartoffel geerntet werde, bevor sie blühe, da es eine Wurzel und keine Frucht sei, sagte Laura Kettering. „Aber Insektengifte sind immer ein Problem, das gelangt ja in die Nahrungskette und schädigt zum Beispiel Vögel.“ In Nordrhein-Westfalen habe der Nabu ermittelt, dass die Zahl der Insekten in den vergangenen 15 Jahren um 80 Prozent gesunken sei. „Das hat viele Ursachen, aber der Einsatz von Pestiziden hat auf jeden Fall Anteil daran“, sagte Kettering.
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