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Der Lügenpresse-Vorwurf gefährdet die Demokratie



Selfies der Information
Der Lügenpresse-Vorwurf gefährdet die Demokratie

Von Werner Kolhoff, 28.12.2015 02:00
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Viele Menschen leben vereinzelt, nun informieren sie sich auch noch zunehmend individuell. In Foren, in Chats, auf Videokanälen. Unüberprüfte Informationen werden immer schneller zum Selbstläufer. Beispiel Flüchtlinge: Mit ihnen hat bisher kaum jemand direkt zu tun gehabt, schon gar nicht negativ, denn sie leben in Lagern. Und dennoch glaubt die Hälfte der Deutschen, dass es zu viele sind, dass sie das Land überfremden, dass von ihnen Gefahren ausgehen. Dieses Denken beruht auf Glauben, nicht Wissen, es ist durch Fakten nicht gedeckt, und es will oft auch gar keine Fakten kennen. Lügenpresse, das Unwort des vorigen Jahres, ist zu einem Vorwurf vieler geworden, nicht nur der Pegida. Der Begriff markiert die kommunikative Verweigerung von Gruppen, die eigene Informationsabschottung. Es ist ein perfektes System, denn jeder Fakt, der in den Medien genannt wird und der dem eigenen Glauben widerspricht, ist schon deshalb widerlegt, weil er dort steht: Keine gehäuften Vergewaltigungen um Flüchtlingslager herum? Lügenpresse. Keine erhöhte Arbeitslosigkeit durch die Asylbewerber? Lügenpresse.

Man schlägt den Boten, aber man meint die Nachricht. Auch Verschwörungstheorien schießen immer mehr ins Kraut: Wer schoss den Air-Malaysia-Jet über der Ostukraine ab? Die Nato natürlich, um es Putin in die Schuhe zu schieben. Wem nutzt der Syrien-Krieg? Den Öl-Multis, die an die Quellen dort wollen. Der Klimawandel? Das Produkt einer Wissenschaftlermafia und der ihnen hörigen Medien. Der Mechanismus funktioniert überall, er ist Mode. Es gibt ihn bei Stromtrassengegnern und TTIP-Kritikern, bei Euroskeptikern und Tierschützern, bei AfD-Anhängern wie Linken und selbst bei der SPD.

Sigmar Gabriel jedenfalls lässt in keiner Parteirede Attacken gegen Journalisten aus und erhält dafür auch noch Beifall. Mindestens er sollte darüber nachdenken, ob das jetzt die richtige Zeit für so etwas ist. Denn für die Rechten und die Ausländerhasser ist die Verachtung der Medien zentral; sie soll ihre Mitläufer immun machen gegen jede Information, die ihren Hass irritieren könnte. Realitätsverleugnung gab es immer. Das Gefährliche heute ist nur, dass sich regelrechte Parallelgesellschaften herausbilden. Die Foren im Internet sind die Selfies des individualisierten Informationszeitalters. Man bestätigt seine eigene Ansicht nur noch und beschimpft jeden, der es anders sieht. Gerne auch unflätig, gerne anonym. Die gemeinsame Informationsbasis der Gesellschaft bröckelt nach und nach. Jeder hat seine eigene Wahrheit und lässt sich darin nicht mehr beirren. Was aber kommt, wenn man in einer Gesellschaft nicht mehr offen miteinander redet und um gemeinsame Erkenntnisse ringt, ist düster.
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