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10.09.2010 00:16

Nach Todesschuss steht Rocker vor Gericht

Ohne jede Vorwarnung schoss der Hells-Angels-Rocker durch eine Tür und tötete einen Polizisten. Nun muss sich der 44-Jährige aus dem Kreis Neuwied wegen Mordes vor Gericht verantworten.

Von dpa-Mitarbeiterin Andrea Löbbecke

Koblenz. Ein halbes Jahr nach den tödlichen Schüssen auf einen SEK-Beamten beginnt am kommenden Dienstag in Koblenz der Mordprozess gegen ein Mitglied des Rockerclubs Hells Angels. Der 44-jährige Angeklagte soll Mitte März ohne jede Vorwarnung aus seinem Haus in Anhausen im Kreis Neuwied heraus geschossen haben. Er traf einen Beamten des Spezialeinsatzkommandos (SEK), der Mann starb trotz seiner Schutzweste. Bei der Polizeiaktion sollte eigentlich das Haus des Rockers durchsucht werden.

Als er jemanden vor seiner Tür sah, dachte der Rocker nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft, einen Einbrecher erwischt zu haben. Schon einmal war bei dem Mann eingebrochen worden, nun wollte er laut Anklage mit einem gezielten Schuss ein Zeichen setzen. Der 44-Jährige feuerte aus kurzer Distanz zwei Mal durch eine geschlossene Tür, die teilweise verglast war. Eine Kugel traf den Beamten seitlich am Oberkörper und verletzte mehrere Organe. Er verblutete. Die Schüsse hat der Angeklagte zugegeben, zu den Hintergründen schweigt er bislang.

Die Durchsuchung war Teil umfangreicher Ermittlungen im Rockermilieu. Die Staatsanwaltschaft hat insgesamt elf Männer und Frauen angeklagt, unter anderem wegen räuberischer Erpressung. So soll der 44-Jährige zusammen mit anderen Hells Angels ein früheres Mitglied des Rockerclubs aus dem Westerwald um 7000 Euro erpresst haben. Das Gericht wies jedoch darauf hin, dass es in diesem Prozess nur um die Vorwürfe gegen den 44-Jährigen geht. Zunächst sind elf Verhandlungstage bis Ende November anberaumt.

In Rheinland-Pfalz stehen die Rocker unter verschärfter Beobachtung. Das liegt auch an einer tödlichen Attacke im Milieu, die im Juni 2009 für Aufsehen gesorgt hatte. Damals hatten drei Mitglieder der Hells Angels im Donnersbergkreis einen führenden Kopf der konkurrierenden Outlaws getötet. Zwei von ihnen wurden vom Landgericht Kaiserslautern zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt (wir berichteten).

Der Landeschef der Gewerkschaft der Polizei, Ernst Scharbach, hatte zur Anklageerhebung im Fall Anhausen gesagt: "Wir sehen mit großer Sorge, dass manche Gruppen in der Lage sind, ganze Gegenden zu terrorisieren." Er sieht die Justiz beim Kampf gegen Rockerkriminalität stärker in der Pflicht. Ziel müsse es sein, den Gruppen die Bildung einer kriminellen Vereinigung nachzuweisen, was wiederum ein Verbot erleichtern würde. Das sei aber mit einem größeren Aufwand verbunden, den die Justiz angesichts knapper Ressourcen oftmals scheue.

Hintergrund

Immer wieder werden schwere Gewalttaten von Rockerclubs begangen. Eine Auswahl:

15. März 2010: Zwei Anhänger der Bandidos werden vor einem Kieler Fitnessstudio niedergestochen, zwei Hells Angels festgenommen.

19. Februar 2010: Acht Anhänger der Bandidos greifen in der Flensburger Innenstadt mit Äxten und Eisenstangen einen "Höllen-Engel" an und verletzen ihn schwer.

31. Oktober 2009: Im Duisburger Rotlichtviertel liefern sich Hells Angels und Bandidos eine Massenschlägerei. Wenige Stunden später wird in das Solinger Clubhaus der Hells Angels eine Handgranate geworfen, die aber nicht detoniert.

8. Oktober 2009: Ein 32-Jähriger wird vor dem Duisburger Bandidos-Hauptsitz erschossen.

13. August 2009: Unbekannte schießen in Berlin auf offener Straße auf einen 33-jährigen Hells Angel. Der Mann stirbt.

27. Juni 2009: Der Präsident der "Outlaws" im rheinland-pfälzischen Donnersbergkreis wird erstochen. Zwei Hells Angels werden zu langen Haftstrafen verurteilt.

23. Mai 2007: Im Münsterland wird ein 47-jähriger Hells Angel in seinem Motorradladen erschossen. Zwei Bandidos werden festgenommen und zu lebenslanger Haft verurteilt. dpa


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