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13.02.2010 00:15

Michelin Homburg hält komplettes Personal

Michelin in Homburg hält auch in der Wirtschaftskrise alle 1200 Mitarbeiter der Stammbelegschaft an Bord. Werkschef Jürgen John rechnet für das laufende Jahr wieder mit einer höheren Reifenproduktion. Das Schlimmste sei überstanden.

Von Thomas Sponticcia und Volker Meyer zu Tittingdorf (SZ)

Homburg. Die gröbsten Auswirkungen der Wirtschaftskrise habe Michelin in Homburg überwunden. Deshalb gibt sich Werkchef Jürgen John im Gespräch mit unserer Zeitung wieder "vorsichtig optimistisch". John, seit Juli 2009 Nachfolger von Jean-Michel Belleux, der Führungsaufgaben in Polen übernommen hat, sieht die Homburger "Micheliner" wieder "auf dem Weg zu einer Bergtour". Zwar sei das Werk immer noch sehr weit von seiner Maximalauslastung entfernt. Dann könnten die Homburger "Micheliner" bis zu einer Million Neureifen jährlich herstellen und gleichzeitig bis zu 500 000 Reifen erneuern, die schon auf den Straßen im Einsatz sind. Doch für das laufende Jahr kalkuliert John schon wieder mit 750 000 Neureifen. Im abgelaufenen Jahr kamen nur 690 000 aus den Homburger Werkshallen.

Auch soll es möglichst keine weitere Kurzarbeit mehr geben. Falls der strenge Winter aber noch weiter anhalte, müsse wohl eine weitere kurze Phase der Kurzarbeit einkalkuliert werden. Denn die kalte Witterung hemme die Bereitschaft in Speditionen und sonstigen Unternehmen, die Bereifung ihrer Lkw-Flotte zu erneuern.

Zu den Großkunden von Michelin gehören die großen Lkw-Hersteller der Branche wie Renault, Mercedes, MAN, Scania. Die stärksten Marktanteile haben sich die Homburger in Deutschland, Österreich und der Schweiz gesichert. Doch auch Osteuropa werde sehr genau beobachtet. Hoffnung auf eine rasche Besserung am Lkw-Markt mache auch, dass beispielsweise bei Mercedes in Rastatt die Produktion wieder besser laufe.

Eine gute Nachricht hält John für sein Personal bereit: Es soll komplett an Bord bleiben. Anders, als es der Konzern an manch anderen Standorten handhabt. Michelin will die Gesamtzahl seiner Beschäftigten weiter senken. In Homburg sind 1200 Mitarbeiter fest angestellt. Hinzu kommen, je nach Auftragslage, zwischen 135 und 150 Zeitarbeiter. Schon während der gesamten Zeit der Wirtschaftskrise sei es gelungen, die komplette Mannschaft an Bord zu halten, betont John. Die Auszubildenden werden seit Jahren übernommen.

Auch in der Krise investiert Michelin in den Standort Homburg: einen zweistelligen Millionenbetrag in eine neue Reifenwickelanlage, weitere drei bis fünf Millionen Euro in eine neue Vulkanisationslinie zur Reifen-Runderneuerung.

Michelin lege am Homburger Standort großen Wert auf einen Mix aus jüngeren und älteren Mitarbeitern. 60 Prozent der Belegschaft kommt aus Lothringen, speziell aus der Gegend um Bitche. Es werde immer schwerer, junge Franzosen nach Homburg zu locken. Viele könnten kein Deutsch mehr. Auch der Lothringer Dialekt verschwinde zunehmend.

Um ältere Mitarbeiter möglichst lange an das Unternehmen zu binden, werde auf den ergonomischen Umbau von Arbeitsplätzen gesetzt. Dabei geht es darum, Arbeitsplätze altersgerechter zu gestalten, je nach Aufgabe. Beispielsweise durch die Veränderung von Tischhöhen oder von Abläufen. Zwei bis drei Millionen Euro jährlich fließen an Investitionen alleine in die Senkung von Arbeitsbelastungen. Begleitet von Gesundheitsmanagement und Physiotherapie.

Meinung

Michelin mit klugem Konzept

Von SZ-Redakteur

Thomas Sponticcia

Der französische Reifenkonzern Michelin hat sich auch durch die weltweite Wirtschaftskrise nicht beirren lassen. Seit vielen Jahren fließen konsequent Investitionen in das Homburger Werk. Das zahlt sich aus. Der Homburger Standort gilt im Konzern weltweit als ein Aushängeschild für neue Produkte und eine besonders gut entwickelte Kultur der Teamarbeit. Chefetage und Mitarbeiter vor Ort wissen offensichtlich gerade jetzt in Krisenzeiten sehr genau, was sie aneinander haben. Dass Michelin die komplette Homburger Belegschaft auch in der Krise hält, ist Beleg dafür. Gleichzeitig Beleg für kluges Management: besonnen Handeln statt Hektik verbreiten. Zur Nachahmung empfohlen.

Hintergrund

Michelin als weltgrößter Reifenhersteller hat den "historischen Einbruch" auf dem Markt 2009 nach den Worten von Konzernchef Michel Rollier auf der Gewinnspur durchfahren. Allerdings brach der Überschuss um 70,9 Prozent auf 104 Millionen Euro ein. Der Umsatz sank um 9,8 Prozent auf 14,8 Milliarden Euro. Besonders hart habe es den Markt für schwere Nutzfahrzeuge getroffen. Hier ging die Nachfrage in Europa um 64 Prozent, weltweit um 40 Prozent zurück. Michelin reagierte mit dem Abbau von 8800 Stellen. Die Zahl der Mitarbeiter sank auf 109 200 und soll weiter zurückgefahren werden. Wachstumschancen bestünden vor allem in Brasilien, Indien, China, wo die Kapazitäten für Pkw-Reifen verdoppelt und für Lkw-Reifen um 40 Prozent erhöht werden sollen. dpa


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