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07.09.2010 00:16

Die Zukunft heißt Frau

Es bleibt durchwachsen, aber interessant in Venedig: Große Favoriten haben sich noch nicht herauskristallisiert, allerdings brachte Catherine Deneuve einen charmanten Film mit: François Ozons "Potiche".

Von Merkur-Mitarbeiter Sascha Rettig

Venedig. Eine lange Phalanx goldener Löwenskulpturen baut sich in diesem Jahr vor dem Sala Grande nicht auf. Die Fassade, hinter der der alte baustellengeplagte Premierenpalast der Filmfestspiele steckt und vor der sich der rote Teppich wie ein Laufsteg langzieht, präsentiert sich recht nüchtern in Biennale-Rot. Diese Bescheidenheit lässt sich symbolisch verstehen. Denn in diesem Jahr fielen nicht nur das Festivalbudget etwas geringer und das Eröffnungsbuffet etwas schmaler aus als im Vorjahr, sondern auch der Glamour und die Qualität des Wettbewerbs.

Die Stars? Sie machten sich bislang rar, wobei es vor allem Frauen waren, die dem Festival Glanz verliehen - allen voran Jessica Alba mit gewohnt süßem Bambiblick, Natalie Portman als Favoritin für die Auszeichnung als beste Darstellerin in "Black Swan" und die Grande Dame der französischen Filmnation, Catherine Deneuve. Die Enttäuschungen? Sie hielten sich immerhin auch in Grenzen. Ein großer, handfester Anwärter auf den Goldenen Löwen hat sich kurz nach der Halbzeit trotz guter Beiträge wie Sofia Coppolas "Somewhere" bislang ebenso wenig herauskristallisiert wie ein übergreifendes Thema.

Der Wettbewerb streckt sich vielmehr als Spiegel des breit gesteckten Filmgeschmacks von Festival-Chef Marco Mueller experimentell in viele Richtungen aus und streift eine ganze Reihe von Genres: Die russische Elegie "Silent souls", die seltsam faszinierend über den Tod, den Abschied und den Verlust von in der Moderne aufgehenden Traditionen reflektiert, hat darin ebenso Platz wie "Detective Dee and the mystery of phantom flame", mit dem Hongkong-Regisseur Tsui Hark effektaufgeplusterte China-Fantasy-Action in Form einer seelenlosen Monumentalgeisterbahn beisteuert.

Die Hoffnungen, dass sich hinter dem diesjährigen Überraschungsfilm der lang erwartete "Tree of Life" des öffentlichkeitsscheuen Terrence Malick verbergen könnte, erfüllten sich nicht. Der traditionelle "film sorpresa" ist diesmal "The Ditch" des Chinesen Wang Bing, in dem er die Härten in einem Arbeitslagers für angebliche Dissidenten 1960 in der Wüste Gobi zeigt: knapp zwei Stunden Verzweiflung, Tod, Durst, Hunger, Kannibalismus. Ohne in vergleichbare Extreme zu reichen, zeigte auch Kelly Reichardts "Meek's Cutoff" Menschen in einer existentiellen Notsituation. Drei Familien verirren sich darin mit ihren Planwagen 1845 in den Weiten der amerikanischen Steppe. Daraus entsteht eine hochkonzentrierte Erzählung mit viel Atmosphäre, die sämtliche Westernkonventionen unterläuft und bis zum offenen Ende mit genauem Blick die alltäglichen Verrichtungen der verlorenen Pioniere beobachtet.

Der Franzose François Ozon hingegen verbreitet mit "Potiche" gute Laune: "Das Leben ist schön", trällert Catherine Deneuve darin zum Schluss. Für sie gibt es in dem Film auch allen Grund dazu, hat sie sich doch vom Dasein als hausfrauliche Anstecknadel eines Regenschirmfabrikanten befreit und zur vorübergehenden Firmenchefin und schließlich zur Parlamentsabgeordneten gewandelt. Mit seinem gut aufgelegten Ensemble, vor allem den hinreißenden Altstars Deneuve und Gérard Depardieu, findet der Franzose zurück zum boulevardesken Ton von "8 Frauen" - einmal mehr mit einer starken Frau vorweg.

"Ich wünsche mir, dass der Film hilft, dass Frauen in dieser Welt mehr anerkannt werden", sagte die Leinwanddiva in Venedig. Es gäbe schließlich immer noch große Unterschiede, vor allem in der Arbeitswelt. "Zwar hat sich die Situation der Frauen verbessert, aber das geschieht nur sehr langsam." Dementsprechend gibt Ozon mit dieser Adaption des gleichnamigen Theaterstücks von 1980 auch ziemlich amüsant seine Empfehlung für die wirtschaftskriselnde Gegenwart: Nicht gierig, ausbeutend und patriarchal, sondern fair, warm, weiblich sollte es auch in der Wirtschaft zugehen. An Frau Deneuves mütterlichen Rockzipfel hängt man sich dabei nur allzu gern.


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