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Nicht jugendfrei

Robert Mapplethorpe gilt als Ikone der Fotografie. In den 80ern half er, Fotografie als Kunstform zu etablieren. Das NRW-Forum Düsseldorf widmet ihm jetzt eine Schau, in der auch viele seiner umstrittenen, schockierenden sadomasochistischen und homoerotischen Motive zu sehen sind.

Von Merkur-Mitarbeiter Roland Groß

Düsseldorf. Wildgewordenes Art Deco mit homosexuellem Thrill oder sachlich, brillant und handwerklich perfekt betriebene Körper- und Objekt-Fotografie? Man übersehe nicht die auf die Spitze getriebenen skulpturalen Manierismen in der Nachfolge der Neuen Sachlichkeit und der "straight photography" etwa eines Edward Weston - und den Aids-Mythos. Denn Robert Mapplethorpe, Kult-Fotograf der zur Zeit im Düsseldorfer NRW-Forum zu sehenden Werkschau, gehörte 1989, vergleichbar Keith Haring, zu den ersten Aids-Toten der amerikanischen Subkultur. Dass er zu Lebzeiten und noch lange danach in Amerika oftmals öffentlich geschmäht wurde, bleibt angesichts ganz anderer Abgründe der so genannten westlichen Zivilisation bemerkenswert.

Fotograf Helmut Newton äußerte einmal im Gespräch, dass er keinen "dreckigeren Begriff" kenne als "guter Geschmack". Aber auch dies muss nichts heißen. Die Werbe-, Mode- und Lifestyle-Fotografie hat die Bilderflut seit dem Tod des 1946 geborenen US-Fotografen Mapplethorpe ordentlich anwachsen lassen, Hemmschwellen heruntergesetzt und das moralische, nicht minder qualitative Sensorium nivelliert, ohne dabei nicht auch Hochrangiges zurück zu lassen. Jede Zeit schafft sich ihren Akzeptanz-Kodex.

Ein Beispiel: Hinter den glatten "ästhetischen" Schwellkörper-Titanen des Bildhauers Arno Brekers türmten die Nazis die Leichenberge vergaster Körper in Auschwitz und Treblinka auf. Und nach dem Ende der Barbarei war Breker noch viele Jahre der privat am besten in Deutschland beauftragte Skulpteur. Dass jetzt auch die Bild-Zeitung in Bezug auf die Mapplethorpe-Schau etwas anzuprangern hat, muss nicht wirklich beunruhigen. Werner Lippert, Leiter des NRW-Kulturforums, distanzierte sich von zwei Aufnahmen der Leihgeber der New Yorker Mapplethorpe Foundation: zwei Kinder-Akte, die sich pornografisch interpretieren lassen und daher nicht ausgestellt werden. Das alles "passt" mit fataler Tagesaktualität zum derzeitigen Top-Thema "Kindesmissbrauch", nicht minder zur Diskussion um zurückliegende Vorgänge in den bislang als "hochrangig" eingestuften Bildungseinrichtungen des Jesuiten-Ordens. Was also ist in dieser Welt "guter Geschmack"?

Der Blick auf die etwa 150 Fotos Robert Mapplethorpes zeigt offensichtlich viel davon. Über den Silbergelatin-Abzügen liegt ein makelloser kühler Lichtschmelz. Die überwiegend männlichen Akte, eher Idole, bilden klassizistische Musterbeispiele an symmetrischer Renaissance-Kompositionstechnik, selbst dann, wenn sie sich "(ge)-mächtig" ins Zeug legen. Mapplethorpe verankerte fraglos das homosexuelle Sujet in der Massenkultur. Der männliche Körper fand Eingang in die kommerzielle Fotografie, brachte das heute längst überdrehte Körperbewusstsein von Mode bis "Men's Health" mit auf den Weg. Selbst die Blumenstillleben wirken wie marmorisiert, werden gleichsam aufgesockelt. Immer geht es hier um möglichst starke Ausdrucksform. Susan Sontag schrieb einmal, dass Mapplethorpe "alles fotografieren will, das heißt, alles, was dazu gebracht werden kann, zu posieren".

Nicht zuletzt sind hier auch Belege für (auch unsere) nicht nur visuellen Begierden zu finden: exponiert beginnend bei sadomasochistischen Praktiken (Bilder, die nicht überbewertet werden sollten) und Penis-Blumen, über die fast allegorischen Vanitas-Selbstporträts und makellosen Hollywoodgesichter bis hin zu den schwarzen Kult-Akten und der weißen Bodybuilder-Frau Lady Lisa Lyon. Selbst der recht angeschlagene späte Andy Warhol gerät zur Plastik mit makellos bleicher Aureole: inzwischen nicht nur er eine Mapplethorpe-Foto-Ikone der Fotografiegeschichte des späten 20. Jahrhunderts.

Läuft bis 15. August. Jugendliche unter 16 Jahren haben nur Zutritt in Begleitung eines Erwachsenen.

"Robert Mapplethorpe: The Black Book" von 1988 wurde beim Verlag Schirmer-Mosel zum Preis von 29,80 Euro neu aufgelegt.

08.02.2010 18:32 Merkur testen: 3 Wochen für 5 Euro

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